Als sich am Wochenbeginn die Gerüchte verstärkten, die von einer möglichen Diskonterhöhung sowie von einer Heraufsetzung der Mindestreserven der Banken wissen wollten, gab es einen weiteren Kursrutsch. Schon in der Vorwoche waren potente Abgeber im Markt, darunter auch Banken, die sich offensichtlich im Hinblick auf eine etwaige Verschärfung der restriktiven Notenbankpolitik entlasten wollten. Die ständigen Aktienverkäufe fanden begreiflicherweise keinen aufnahmewilligen Markt, denn das deutsche Sparerpublikum hält sich zurück, der sogenannte Berufshandel ebenfalls, und die Ausländer – über die Entwicklung in Deutschland enttäuscht – reagierten teilweise mit Verkaufsorders, zumal sie an den meisten ausländischen Börsen Gewinne machen konnten. Tatsächlich besteht für den deutschen Kapitalmarkt eine Sondersituation, die durch die herrschende Zinsunruhe und auch durch die immer wieder diskutierte Bundesanleihe entstanden ist. Während die meisten Weltbörsen wieder "Tritt gefaßt haben", liegen die deutschen Plätze noch "fußkrank" am Wege – obwohl wir vor einer Phase der Hochkonjunktur stehen. Aber die Börse reagiert zur Zeit nicht auf günstige Nachrichten aus dem wirtschaftlichen oder politischen Bereich; sie starrt vielmehr auf die Zinsentwicklung, Unsicherheit ist der Zustand, den der Kapitalmarkt am schlechtesten verträgt. Deshalb ist der Wunsch nach einer Schocktherapie, die dann freie Bahn für eine längerfristige Planung schafft, durchaus berechtigt. Nur so wird man die auf einen steigenden Zins hoffenden Anleger aus ihrer Reserve herauslocken können.

Wenn man sich die Kursentwicklung der letzten Tage ansieht, dann kann man nur zu dem Schluß kommen, daß die Börse alle negativen Momente, die überhaupt nur möglich sind, in den Kursen zu berücksichtigen sucht. Daß dabei Übertreibungen nach unten nicht ausbleiben können, ist verständlich. Die zunehmenden Umsätze deuten zwar einerseits auf eine wachsende Abgabebereitschaft hin, andererseits finden sich zu den weichenden Kursen aber auch Käufer, die nicht nur aus Gründen der Kurspflege das Material aufnehmen. Sie bevorzugen die renditestarken Papiere, weil sie wissen, daß hier der Abwärtsbewegung sehr schnell Grenzen gesetzt sind. Bei den vielen Spezialwerten, deren Notierungen stark auf "Phantasie" aufgebaut sind, kann man dies mit gleicher Bestimmtheit nicht sagen. Sicher ist jedoch, daß manches Papier in den Strudel der fallenden Kurse hineingerissen wurde, das bei nüchterner Beurteilung allmählich als unterbewertet gelten muß.

Mit Spannung erwarten Börsenkreise die Bezugsrechtnotierung von BASF. Die BASF-Aktien, wie auch die der anderen IG-Farben-Nachfolger, haben jetzt einen Kursstand erreicht, der selbst international gesehen als interessant gelten muß. Bei einem Kurs von 390 v. H. beträgt – unter der Voraussetzung, daß für 1959 eine Dividende von 15 v. H. gezahlt wird – die Rendite rund 4 v. H. Für eine Aktie mit Weltgeltung ist das lukrativ. Deshalb werden von den Banken IG-Farben-Aktien als langfristige Anlage besonders empfohlen.

Am Montanmarkt blieb der gedämpfte Dividendenoptimismus erhalten. Daß Klöckner unverändert 8 v.H. zahlen würde, war allgemein angenommen worden. Klöckner hat bis zum 30. Juni 1959 (Ende des Geschäftsjahres) nur wenig von dem Stahlboom profitieren können. Bei Hoesch dürfte es schon anders aussehen. Allerdings gibt es auch Leute, die vor einem allzu großen Optimismus in bezug auf die Montandividenden warnen. Sie sind zwar auch der Meinung, daß die Stahlkonzerne gut verdient haben; sie weisen andererseits aber auch auf die Belastung hin, die der Kohlenbesitz im letzten Jahr gebracht hat. Außerdem geben sie zu erwägen, daß! man im Frühjahr vor harten Lohnauseinander-Setzungen steht, in denen man die Argumente der Gegenseite stärken würde, wenn man höhere Dividenden zahlt. Außerdem möchten die Verwaltungen natürlich ihre Positionen im Hinblick auf Heizölsteuer und Kohlenzoll nicht durch den Ausweis steigender Gewinne verschlechtern.

Die Kurse der Großbanken wurden in der letzten Zeit ebenfalls kräftig zurückgenommen. Hierfür liegen kaum wirtschaftliche Gründe vor. Die Kurse folgten dem allgemeinen Abwärtstrend, und tatsächlich erscheint es auch als kaum gerechtfertigt, die Großbankaktien nahezu 100 Punkte höher als die IG-Farben-Werte zu notieren.

Kurt Wendt