Der Wandel in der US-Außenpolitik und seine Konsequenzen

Von Richard Löwenthal

Washington im Oktober Durch den Chruschtschow-Besuch in den Vereinigten Staaten ist ein Wandel in den fundamentalen Voraussetzungen und Zielen der amerikanischen Außenpolitik zutage getreten. Dieser Wandel ist nicht etwa das Ergebnis jenes Besuches gewesen; im Gegenteil: der Besuch ist nur möglich geworden, weil dieser Wandel sich schon seit längerem angebahnt hatte. Er begann in den ersten Monaten des Jahres 1959 – also noch vor der Genfer Außenminister-Konferenz und vor dem Tode von John Foster Dulles.

Worin besteht dieser Wandel? Um es in einem einzigen Satz zu sagen: Zum erstenmal seit zwölf Jahren ist ein amerikanischer Präsident der Auffassung, daß es erstens möglich sei, den „Kalten Krieg“ zwischen seinem Lande und der Sowjetunion in absehbarer Zeit zu beenden, und zweitens, daß dieser Versuch sehr ernsthaft unternommen werden müsse.

Natürlich glaubt er nicht, daß alle Interessengegensätze zwischen den beiden Weltmächten wie durch ein Wunder verschwinden könnten. Und er glaubt auch nicht, daß man ohne Streitkräfte die Stabilität einer solchen Einigung gewährleisten könne, aber er scheint der Meinung zu sein, daß es möglich sein müsse, einen Rahmen zu finden, innerhalb dessen die beiden einander entgegengesetzten politischen und sozialen Systeme in jenen friedlichen Wettstreit treten könnten, von dem Nikita Chruschtschow so viel redet. Jedenfalls sofern es gelingt, sich in einigen Kernfragen zu einigen und ein annäherndes Kräftegleichgewicht zwischen beiden Seiten herzustellen.

Die Welt wäre auch dann noch geteilt, aber sie würde nicht mehr unter der ständigen Anspannung leiden, die der Rüstungswettlauf und die ideologischen Konflikte mit sich bringen, die jeden Augenblick sich in örtlich begrenzten Kriegen oder in Bürgerkriegen zu entladen drohen. Begrenzte Kriege, die das Risiko einschließen, schließlich in einen atomaren Weltkrieg überzugehen.

Wenn alle diese Erwägungen tatsächlich der gegenwärtigen Politik Eisenhowers zugrunde liegen, dann ist im Vergleich zu dem vergangenen Jahrzehnt wahrhaftig ein sehr großer Wandel eingetreten. Denn dies würde doch eine Rückkehr zu den Grundvoraussetzungen von Jalta bedeuten – freilich eine Rückkehr in eine Situation, in der das Gewicht der Kräfte sich sehr zugunsten des Sowjetblockes verschoben hat.