Der jüngste Konzentrationsprozeß im Kohle-Stromverbund des Ruhrreviers liegt ganz an der Marschroute, die von den Strukturwandlungen am Energiemarkt vorgezeichnet ist. Eine Zechengesellschaft – diesmal des Baunkohlenbergbaus – ist im Begriff, ihre Selbständigkeit zu opfern, um als Versorgungsbasis für einen großen Verbund ihrem Dasein einen neuen Sinn zu geben. Die Rheinisch-Westfälisches Elektrizitätswerk AG, RWE, Essen, ist als Mehrheitsaktionär bei der Michel Bergbau. AG eingestiegen, deren Hauptanziehungskraft von ihrer – demnächst umzuwandelnden – Tochter, der Braunkohlenbergwerk Neurath AG ausgeht. Die wirtschaftlichen Beweggründe für diesen Schritt liegen im Interesse beider Partner. Die Braunkohle muß rechtzeitig alle Rationalisierungsmöglicnkeiten ausschöpfen, um dem Schicksal des Steinkohlenbergbaus zu entgehen. Die Braunkohlenzeche Neurath ist mit über 50 v. H. ihrer Förderung von rd. 4 Mill. t jährlich am Brikettabsatz beteiligt. Da auch dieser Markt bereits von dem Nachfrageschwund nach festen Brennstoffen betroffen ist, liegt ein Anschluß an das RWE im Interesse der Absatzsicherung dieser Braunkohlenzeche. Wie die RWE-Verwaltung als neuer Herr im Hause Neurath schon jetzt mitteilte, wird die Förderung dort in Zukunft vergrößert werden, allerdings bei gleichzeitiger Einschränkung der Brikettproduktion.

Für das RWE stellt die Einbeziehung der Zeche Neurath eine Abrundung des Braunkohlenbesitzes im rheinischen Revier dar; an den aufgeschlossenen Vorkommen in diesem Gebiet ist RWE dann mit über 90 v. H. beteiligt. Der Hauptgrund für den Erwerb sei die Tatsache gewesen – so wurde gesagt –, daß das Kohlenfeld Neurath wie „ein Pfahl ins Fleisch der RWE-Zechen Roddergrube und Rheinbraun hineinrage“ und daß große Rationalisierungsreserven in einem gemeinsamen Abbau lägen. Es Würde allerdings auch erklärt, daß durch die Einbeziehung der Neurath-Kohle – die aufgeschlossenen Vorkommen dieser Gesellschaft werden auf 200 Mill. t beziffert – in den RWE-Bereich der – gesetzlich behinderte – Aufschluß neuer Braunkohlenvorkommen vorerst nicht mehr notwendig sei. Das RWE hat damit in zeitlicher Hinsicht etwas mehr Spielraum für die erforderlichen Investitionen auf der Braunkohlenseite erhalten.

Über den Kaufpreis, der für die 84-v.-H.-Maorität bei der Michel Bergbau AG zu zahlen ist, schweigt sich die RWE-Verwaltung mit dem Hinweis, sie wolle „keine Nacktkultur“ treiben, aus. Vermutlich wird sie darüber auf der außerordentlichen Hauptversammlung am 27. Oktober mehr sagen müssen; denn die von den Aktionären gewünschte Beschlußfassung über ein genehmigtes Kapital steht – mindestens was die erste Stufe dieser lange erwarteten Kapitalerhöhung anbelangt – in unmittelbarem Zusammenhang mit der Eingliederung der Braunkohlenzeche Neurath in den RWE-Verbund.

Die beabsichtigte Aufstockung des RWE-Kapitals um 147 auf 575 Mill. DM, der die aoHV ihren Segen geben soll, wird in zwei nacheinander geschalteten Stufen vorgenommen. Die erste Stufe: eine Kapitalerhöhung um 32 Mill. DM durch stimmrechtslose Vorzugsaktien, die gegen Sacheinlagen, insbesondere „durch Einbringen von Aktien oder von Ansprüchen auf Lieferung von Aktien“ ausgegeben werden sollen (Mehrheitserwerb bei der Michel Bergbau AG). Der darüber hinausgehende Betrag von 32 Mill. DM soll, wie in Essen gesagt wurde, zur Erweiterung bereits bestehender Beteiligungen genutzt werden. Zu der Frage, ob an ein Abfindungsangebot an die verbleibenden freien Michel-Aktionäre – 16 v. H. von 24 Mill. DM – gedacht wird, hieß es, daß eine Notwendigkeit dazu eigentlich nicht bestehe. Auch die wenigen Prozent freies. Kapital bei den anderen Braunkohlentöchtern (1 v. H. von 72 Mill. DM bei der Braunkohlen- und Brikettwerke Roddergrube AG, 2 v. H. von 120 Mill. DM bei der Rheinische AG für Braunkohlenbergbau und Brikettfabrikation sowie 2 v. H. von 16 Mill. DM bei der Braunkohlen-Industrie AG „Zukunft“) scheinen die RWE-Verwaltung nicht zu stören; denn auch die Möglichkeit einer etwaigen Umwandlung der Braunkohlentöchter auf die Mutter wird in der Essener Hauptverwaltung abgelehnt.

Die zweite Stufe der vorgesehenen Kapitalerhöung um weitere 115 Mill. DM wird den verschiedenen Aktiengattungen der Gesellschaft im gleichen Verhältnis bei einem Ausgabekurs von 150 v. H. und einem Bezugsverhältnis 4:1 angeboten. Als EinZahlungstermin wird der 1. 4. 1960 genannt. Vom gleichen Zeitpunkt an werden die jungen Aktien auch dividendenberechtigt sein. RWE-Vorstandsmitglied Dr. Greinert bezeichnete die vorgesehene Aufstockung des Grundkapitals als „Synthese zwischen einer echten Kapitalerhöhung zur Geldbeschaffung und einer vorweggenommenen Kapitalberichtigung“.

Das RWE wird in den Jahren 1959/60, 60/61 und 61/62 voraussichtlich 1 Mrd. DM investieren, davon 380 Mill. DM für den weiteren Ausbau der Kraftwerkskapazität, 560 Mill. DM für die Verteilernetze und 150 Mill. DM für sonstige Kapitalaufwendungen. Zu diesem umfangreichen Programm können die Mittel der Kapitalaufstockung indessen nur einen geringen Beitrag leisten. Aber gleichzeitig hält die Verwaltung es für an der Zeit, die Eigenkapitalbasis des Unternehmens zu stärken. Das Grundkapital hat mit der Geschäftsausweitung nicht Schritt gehalten. Während seit 1938/39 das RWE-Kapital auf noch nicht das Doppelte stieg, ist die Stromabgabe im gleichen Zeitraum auf mehr als das Vierfache geklettert. Auch das Netto-Anlagevermögen ist in der betrachteten Zeitspanne auf fast das Dreifache angewachsen. Mit der jetzt beabsichtigten Heraufsetzung des Kapitals hat nach Auffassung der Verwaltung das RWE, das an der Börse bei den Zusatzaktienanwärtern mit in der ersten Reihe marschiert, das Thema Kapitalberichtigung ausdiskutiert. An dieser Auffassung, die Berichtigung „vorweggenommen“ zu haben, könne auch eine etwaige gesetzliche Regelung nichts mehr ändern, hieß es in der Pressekonferenz. Bei der Aufstockung sei auch die Bemessung der künftigen Dividende berücksichtigt worden. Die Aktie sei zwar etwas anderes als ein festverzinsliches Wertpapier, aber auch für das erhöhte Kapital soll möglichst das Niveau der jetzigen Dividende (10 plus 2,5 v. H.) beibehalten werden. Nmn.