Von H. D. Kley

In diesem Sommer wurde es offenkundig wie nie zuvor: das Camping ist eine Massenbewegung geworden. Die rund 1000 Campingplätze Westdeutschlands waren zum größten Teil lückenlos belegt. Fremdenverkehrsexperten schätzen, daß etwa jeder zehnte Bundesbürger als Camper auf Urlaub gefahren ist. 80 v. H. der Campingfreunde sind nach Angaben des „Deutschen Camping-Clubs“ motorisiert; 15 Prozent von ihnen genossen ihre Ferien im Wohnwagen.

Alles scheint darauf hinzuweisen, daß aus dem Camping eine Institution wird. Schon hat sich eine weitgegliederte Camping-Industrie eingeschaltet, es gibt bereits mehrere Camping-Zeitschriften, und von der Flensburger Förde bis zum Bodensee spannt sich ein Netz von Orts-, Bezirks- und Landesgruppen. Das Stuttgarter Camping-Rally sah im vorigen Jahr fast zehntausend Teilnehmer. Niemanden wundert es, daß die „Camper“ – wie man sie mittlerweile zu nennen pflegt – ihren eigenen Baedeker besitzen. Just in diesen Tagen ist „Europa Camping“ (Reise- und Verkehrsverlag Stuttgart, 350 S.) in neuer Auflage erschienen. Der Camping-Führer schlägt über hundert Reiserouten vor, er enthält einen Camping-Atlas und nennt mehr als 1800 Zeltplätze in 21 europäischen und nordafrikanischen Ländern. Es ist schön beinahe nichts Ungewöhnliches mehr, daß es bereits mehr Campingplätze als Jugendherbergen gibt.

Die Kritik am Camping, die noch vor einigen Jahren geübt worden ist und vor allem von kirchlichen Stellen ausgegangen war, wird immer gedämpfter. Freilich empfindet trotzdem nicht jeder Campingfreund ungetrübte Freude über die sprunghafte Aufwärtsentwicklung des Campings. Einige Orts- und Landesgruppen sind bereits darangegangen, sich eigene, in keinem Verzeichnis aufgeführte Campingplätze anzulegen, um so dem Trubel zu entgehen, der sich auf den stark frequentierten Plätzen oft bemerkbar macht.

Zelte werde heute in Deutschland schon verschiedentlich nach Maß angefertigt. Der komfortgewohnte „Camper“ stattet sich mit einem „Überdach“, mit einer „Apsis“, mit Schaumgummimatratzen, mit verblüffend praktischen Kochgeräten und mit zusammenklappbaren Zeltmöbeln aus. So kostet denn eine normale Campingausrüstung für eine vierköpfige Familie etwa 1000 bis 1200 Mark – ein Betrag, der sich im Lauf der Jahre „amortisiert“. Gemessen an den Reisekosten, scheint diese Anschaffung jedoch rentabel zu sein.

Um so mehr ist man überrascht, wenn man in der Mitgliederkartei einer Landesgruppe blättert und erfährt, daß die meisten der organisierten Campingfreunde mittlere und gehobene Berufe – mit entsprechendem Einkommen – ausüben. Vornehmlich sind es Kaufleute, Beamte, Akademiker und freie Berufe, die sich zum Camping zusammengefunden haben; der Studienrat ist ebenso vertreten wie der Musiker vom städtischen Orchester, der Tiefbauingenieur wie der Finanzinspektor – vielfach Menschen also, die es „nicht nötig hätten“. Seltener organisiert sind hingegen die meisten Campingfreunde aus den unteren Einkommensgruppen.

Der Geschmack ist auch bei den „Campern“ verschieden. Die einen schwören auf die schlichte Zeltausstattung der Wandervogelzeit, die andern lieben neuzeitlichen Komfort, Manche suchen in vierzehn Tagen ein Dutzend Campingplätze auf, andere fahren in jedem Jahr auf ihren „Stammplatz“.