Die Sowjetzone versucht der Bundesrepublik in Kairo den Rang abzulaufen

Von Joachim Joesten

Man mag wohl hier und da ein bißchen über die Eifersuchtsszene gelächelt haben, die sich vor vierzehn Tagen zwischen Bonn, Kairo und Pankow über die Einrichtung eines Generalkonsulats der Sowjetzone in Kairo abgespielt hat und die beinahe zu einem Bruch zwischen der Bundesrepublik und der Vereinigten Arabischen Republik (V. A. R.) geführt hat. In der Tat, es ist vielleicht nicht so tragisch, daß der neubestallte Generalkonsul der Sowjetzone, Martin Bierbach, sein Exequatur erhalten hat, nachdem seine Ernennung ja seit über einem halben Jahr feststand. Wichtig, oder mindestens ebenso wichtig – und das ist bei diesen Auseinandersetzungen allzusehr in den Hintergrund getreten – ist die Frage, wer den wesentlichen deutschen Beitrag zu der jetzt auf Hochtouren laufenden industriellen Entwicklung Ägyptens liefern soll – die Bundesrepublik oder die Sowjetzone.

Pankow kauft Baumwolle

In diesem Wettrennen, das schon seit etwa zwei Jahren im Gange ist, befand sich Pankow gegenüber Bonn von Anfang an in der stärkeren Position. Nicht nur, weil die Sowjetzone im Kielwasser der Sowjets segelt, die nun einmal heute in Ägypten wirtschaftlich (wenn auch keineswegs politisch) den Ton angeben, sondern vor allem auch, weil der Posten des Herrn Bierbach ungewöhnlich gut dotiert ist und war, auch als er nur Leiter der sowjetzonalen Handelsmission in Kairo war. Während die Botschaft der Bundesrepublik in Kairo mit sehr bescheidenen Mitteln arbeitet, hat Bierbach von seiner Regierung einen recht ansehnlichen Propagandafonds zur Verfügung gestellt bekommen. Und im Orient „spricht“ das Geld womöglich noch lauter als sonstwo.

Vor allem aber spielt bei diesem Ringen um die Gunst Kairos die Baumwolle eine große Rolle. Ägypten ist in sehr hohem Maße in seiner Ausfuhr auf die Baumwolle angewiesen, die 80 bis 90 v. H. des Gesamtexportes ausmacht. Da auf dem Weltmarkt ein Überangebot an Baumwolle besteht, ist die Kairoer Regierung seit Jahren darauf bedacht, die großen Aufträge an Investitionsgütern, an denen das Land einen schier unersättlichen Bedarf hat, mit der Abnahme von ägyptischer Baumwolle zu koppeln. Das belastet die deutsch-ägyptischen Beziehungen nicht unbeträchtlich. Denn die ziemlich teure ägyptische Baumwolle ist auf dem Weltmarkt nicht konkurrenzfähig.

In einem freien Land wie der Bundesrepublik ist es nicht leicht, die Abnehmer zu überreden, sie sollten ihre Baumwolle aus Ägypten beziehen, wenn sie diese anderswo billiger bekommen können. Dagegen können es sich kommunistisch gesteuerte Staaten, darunter also auch die deutsche Sowjetzone, ohne weiteres leisten, im Rahmen eines Tauschgeschäftes große Mengen von ägyptischer Baumwolle zu politisch bestimmten Bedingungen zu beziehen.