H. W., Kiel

Wie das Gesetz es befahl, schloß der Arzt Dr. med. Günter Karl in der auf halber Strecke zwischen Kiel und Rendsburg liegenden Gemeinde Westensee am 1. Oktober seine kassenärztliche Praxis. Er mußte sie schließen, obwohl alle Einwohner des Dorfes in vielen Protestschreiben gefordert hatten: Wir wollen unseren Arzt behalten. Aber die Bestimmungen des Bundesarbeitsministeriums gestatteten keine Ausnahme, und Dr. Karl, von dem der Pastor der Gemeinde und viele andere sagen, er sei ein Gewinn für Westensee, darf nur noch Privatpatienten behandeln. Und wer kann schon in einem kleinen Ort davon leben, daß er Privatpatienten behandelt? Als einziger Ausweg bleibt dem ehemaligen Kieler Arzt nur eine Klage vor dem Landessozialgericht in Schleswig. Dr. Karl hat wenig Hoffnung, daß er mit dieser Klage Erfolg haben wird.

Die kassenärztliche Praxis von Westensee war im Oktober 1958 frei geworden, als der damalige Arzt wegzog. Einen Nachfolger zu finden, war nicht schwer, da es genügend Ärzte gibt, die sich um eine Kassenpraxis bemühen. Aber der Nachfolger blieb nicht lange, und bis April 1959 hatten drei Ärzte nacheinander die vakant gewordene Stelle verwaltet. Die Einwohner der Gemeinde hatten zwar nichts am Können der drei Ärzte auszusetzen, wohl aber an dem häufigen Wechsel der Ärzte. Sie stellten sich – nicht zu Unrecht – auf den Standpunkt, sie seien schließlich keine Roboter, die von jedermann behandelt werden könnten.

Die Westenseer waren denn zufrieden, als am 1. April dieses Jahres der damalige Kieler Arzt Dr. Günter Karl nach Westensee zog, seine Praxis einrichtete und auch einen Monat später vom Zulassungsausschuß der Kassenärztlichen Vereinigung in Bad Segeberg die endgültige Zulassung erhielt. Damit wäre alles in schönster Ordnung gewesen, wenn nicht der Kieler Chirurg Dr. Bachl ältere Ansprüche geltend gemacht und gegen die Zulassung seines Kollegen in Westensee Einspruch erhoben hätte.

Darauf kam es zur Verhandlung vor dem Berufungsausschuß der Kassenärztlichen Vereinigung. Er mußte eine heikle Entscheidung treffen. Auf der einen Seite hatte sich Dr. Karl in der kurzen Zeit seiner Tätigkeit in Westensee nicht nur die Achtung, sondern auch das Vertrauen seiner Patienten und aller Dorfbewohner erworben, andererseits aber schreiben die Bestimmungen des Bundesarbeitsministeriums über die Zulassung von Kassenärzten bindend vor: „Bei gleicher beruflicher Eignung ist zugunsten des höheren Approbationsalters und nach der Dauer der ärztlichen Tätigkeit zu entscheiden.“

Dieser Satz war ausschlaggebend. Denn das höhere Approbationsalter und die längere ärztliche Tätigkeit hatte nun einmal Dr. Bachl aufzuweisen. So sprach der Berufungsausschuß ihm die kassenärztliche Praxis in Westensee zu.

Dort aber war man mit dieser Entscheidung ganz und gar nicht einverstanden. Die Westenseer hatten nichts, gegen Dr. Bachl, aber sie wollten ihren Arzt, Dr. Karl, behalten. Sie sammelten Unterschriften für ein Protestschreiben, und sie wandten sich an den Schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten, an das Kreisgesundheitsamt und an die Kassenärztliche Vereinigung. Sie konnten nicht verstehen, daß die Bestimmungen einer Vorschrift mehr bedeuten können als die berechtigten Wünsche einer ganzen Gemeinde. Sie wenden sich gegen die – wie sie sagen – „seelenlose, rein nach juristischen Momenten gefaßte Entscheidung, die alle menschlichen Probleme unberücksichtigt läßt“.