W. G., Saarbrücken

Im jüngsten Bundesland herrscht, wie im übrigen Bundesgebiet Vollbeschäftigung. Die Wirtschaft läuft auf hohen Touren, und die Arbeitskräfte sind knapp geworden. Die Optimisten erinnern an die Worte des Bundeswirtschaftsministers, daß die Saarwirtschaft nach der Rückgliederung keine Absatzsorgen habe und im Gegenteil noch zusätzliche Arbeitskräfte benötigen würde. Freilich ist eine zuverlässige Aussage über die Auswirkungen der wirtschaftlichen Angliederung frühestens Anfang des nächsten Jahres möglich, da die saarländische Wirtschaft mit ungewöhnlich hohen Auftragsreserven in den DM-Raum hinübergewechselt ist. Die weitere Entwicklung der Geschäftstätigkeit wird vornehmlich von den Absatzmöglichkeiten im übrigen Bundesgebiet und in Frankreich abhängen.

Abgesehen von den Saarbergwerken, deren Verkäufe an festen Brennstoffen nach Süddeutschland stagnieren, ist es der übrigen Wirtschaft an der Saar gelungen, ihre Lieferungen nach der Bundesrepublik kräftig auszuweiten; man rechnet mit einer günstigen Weiterentwicklung. Demgegenüber werden die Chancen im Frankreich-Geschäft – dem Kernstück des Saarvertrages – unterschiedlich beurteilt. Während sich die saarländischen zollfreien Lieferungen dank der vielfach vorsorglichen Errichtung von Zweigstellen in Frankreich reibungslos abwickelten, haben sich bei der Abnahme der französischen zollfreien Gegenkontingente bisher doch wesentliche Schwierigkeiten ergeben. Offensichtlich ist der grenzüberschreitende Warenverkehr immer noch zu kompliziert und kostspielig. Das hat manchen kleinen Importeur verärgert und zum Abbruch der Handelsbeziehungen mit seinem französischen Partner veranlaßt. Wenn das französische Warenkontingent (1,5 Mrd. DM jährlich) von der Saar zu mehr als 75 Prozent unausgenutzt bleibt, müssen auch die saarländischen Exporte nach Frankreich (750 Mill. DM) gekürzt werden.

Der saarländische Einzelhandelsverband ist bezüglich des Warenaustausches mit Frankreich zwar recht optimistisch. Man ist dort der Meinung, daß der in den vergangenen Wochen erfolgte teilweise Abbau der Formalitäten den Warenverkehr von Frankreich nach der Saar spürbar verflüssigt habe. Auch sei die anfänglich zu beobachtende Überbewertung deutscher Konsumgüter durch den saarländischen Verbraucher – der praktisch über das tatsächliche Austauschvolumen zwischen Frankreich und der Saar entscheidet – vielfach einer kritischen Beurteilung des Warensortiments gewichen. Dessenungeachtet sind aber viele Kaufleute ausgesprochen pessimistisch. Die Handelskammer in Straßburg hat ermittelt, daß im ersten Quartal nach der Ausgliederung des Saarlandes bestimmte französische Exporte ins Saarland sich auf der alten Höhe hielten (besonders Wollstoffe, Weine, Wirkwaren, Schuhe und Automobile), wohingegen andere Exporte zurückgegangen oder gar ausgefallen seien. Vom saarländischen Wirtschaftsministerium war auf Anfrage lediglich zu erfahren, daß die Lizenzen für die Einfuhren aus Frankreich bisher lebhaft nachgefragt wurden, dagegen sei noch völlig ungewiß, inwieweit diese auch tatsächlich ausgenutzt wurden.

Der Warenverkehr mit Frankreich hat offensichtlich dann eine sichere Chance, reibungslos zu funktionieren, wenn das Austauschverfahren weiter entbürokratisiert wird. Dazu gehören auch eine Verringerung der geforderten Ursprungszeugnisse und die Reduzierung der nach Meinung des saarländischen Einzelhandelsverbandes viel zu große Liste der französischen Zollversicherungsgüter. Ferner wird die Abschöpfung französischer Marktordnungsgüter (Zucker, Mehl) kritisiert. Schließlich müssen die infolge Mehrwertsteuer- und Zollfreiheit möglichen Verbilligungen der französischen Importe auch tatsächlich den Verbrauchern zugute kommen. Mit diesen Fragen wird sich dieser Tage der Gemischte deutschfranzösische Regierungsausschuß befassen.