Von Volkmar v. Zühlsdorff

Wer wollte es leugnen, daß in Deutschland heute wieder viele gute Schriftsteller schreiben? Wer aber wäre andererseits vermessen genug, daraus ein Gefühl der Zufriedenheit mit der deutschen Literatur abzuleiten? Schriftsteller sind eben nur ein Teil des literarischen Lebens. Man wird an Goethes Rückblick auf den betrüblichen Stand der deutschen Poesie vor seiner Zeit erinnert. Betrachte man es genau, was ihr fehlte, schrieb er, so sei es ein Gehalt gewesen (er nennt ihn einen „nationellen“); an Talenten war niemals Mangel. Jede Dichtung müsse schal werden, die nicht auf dem Menschlich-Ersten ruhe, „auf den Ereignissen der Völker und ihrer Hirten“.

Vielleicht sieht es in anderen europäischen Ländern im Grunde nicht sehr viel anders aus. Aber eins haben sie der deutschen Literatur voraus: eine Ungebrochenheit der Tradition, und einen Mittelpunkt – London, Paris, Rom –, in dem die besten Kräfte zusammenströmen und einander befruchten. Das fehlt bei uns, zum Schaden des deutschen Schrifttums, welches damit das allgemeine politische Schicksal teilt.

Es fehlt allerdings nicht erst seit 1945. So viele bedeutende Schriftsteller und Dichter zogen sich ja 1933 zurück, ins Exil oder in die innere Emigration, daß Berlin, bis dahin ein geistiger Treffpunkt, schon damals seinen Rang verlor. Es hat ihn bis heute nicht zurückgewinnen können.

Da Deutschland vom Nachrichtenstrom der Welt so lange abgetrennt war, ist die Kenntnis vom Weg der deutschen Literatur in der Emigration bis heute lückenhaft geblieben. Zu wenig wissen wir daher auch von dem Bemühen der emigrierten Schriftsteller, Künstler und Gelehrten, sich für die Zeit der heimatfernen Jahre wenigstens einen notdürftigen Zusammenschluß, eine Art sichtbaren Mittelpunkt zu schaffen: die „Deutsche Akademie der Künste und Wissenschaften im Exil“.

Eine vorbereitende Organisation wurde schon im Jahre 1935 von Hubertus Prinz zu Löwenstein gegründet und nannte sich American Guild for German Cultural Freedom, Eine ähnliche Gesellschaft, die „Arden Society“, entstand später in London unter dem Vorsitz des Erzbischofs von York.

Damit war für die Akademie der Weg geebnet. Ein Aufruf Thomas Manns fand breiten Widerhall. Die Präsidentschaft wurde ihm selber übertragen, für die wissenschaftliche Klasse trat später Sigmund Freud an seine Seite. Heinrich Mann, Hermann Broch, Arnold und Stefan Zweig, Werfet, Döblin, Fritz von Unruh, Feuchtwanger und Alfred Neumann zählten zu den Mitgliedern, aber auch der Historiker Veit Valentin, der Theologe Paul Tillich, Emil Lederer und Siegfried Marek, Reinhardt und Piscator, die Maler Paul Klee und Feininger, Mies van der Rohe, die Komponisten Hindemith, Krenek und Schönberg, dazu Klemperer, Huberman, Adolf Busch, Arthur Schnabel, um nur einige zu nennen. Im Juli 1937 gab Prinz Löwenstein auf der Tagung des Internationalen PEN-Clubs in Paris die vollzogene Gründung bekannt.