Das Auditorium hörte mit leichtem Unmut zu, als vor mathematischen Kurven und Tabellen der mittelgroße, etwas korpulente Herr am Rednerpult seinen Zuhörern vorrechnete, daß der Versuch einer menschlichen Raumfahrt, die vielen so greifbar nahe erscheint, in einer Katastrophe enden werde. Das war am Donnerstag letzter Woche im Hörsaal A der Hamburger Universität. Und der Redner war Diplomingenieur Robert Ausser, technischer Direktor der Messerschmitt-Flugzeugwerke. Seine Zuhörer waren vom Fach, denn es handelte sich um die Jahresversammlung der Wissenschaftlichen Gesellschaft Luftfahrt, zu der vom 13. bis 16. Oktober rund 800 Teilnehmer aus zwölf Ländern in der Hansestadt versammelt waren.

Hatte nicht auf der gleichen Tagung ein Raketenforscher aus Amerika optimistische Töne angeschlagen Es war Dr. J. Kuettner, der aus Deutschland stammt und im Stabe Wernher von Brauns in Huntsville das „Merkur“-Projekt für den ersten bemannten Raumflug leitet. Er glaubt in das Gelingen seines Planes und sprach dennoch von einem „unzuverlässigen Ungeheuer“, womit er seine Rakete meinte.

Die Kurven Lussers verstärkten, was Kuettner vom „unzuverlässigen Ungeheuer“ gesagt hatte: Nach der Theorie ist nur jeder zweite der großen und komplizierten Flugkörper zuverlässig.

„Mit der V 1 fing das im Kriege an“, erzählte Lusser. Damals habe man geglaubt, das Ding müsse funktionieren, da ja nun die „Pilotenfehler“ wegfielen und die Steuerung durch Apparaturen erfolgte. Aber das war ein Irrtum. Die VI – praktisch ein unbemannter Bomber – erwies sich nur zu 75 v. H. als zuverlässig. Ein bemanntes Flugzeug war bedeutend zuverlässiger.

Seitdem sind die Flugkörper immer komplizierter geworden. Die Zahl der „lebenswichtigen“ Teile nimmt ständig zu. Und damit wird – nach der Wahrscheinlichkeitsrechnung – die Unzuverlässigkeit der Geräte immer größer, auch wenn jeder einzelne Teil für sich zuverlässiger gemacht wird. Aber trifft dies nicht auch für die Flugzeuge zu? Freilich, doch wird bei der Luftfahrt der Zuverlässigkeitsgrad durch sorgfältige Wartung der Maschinen und durch regelmäßigen Austausch der Teile verbessert, so daß heute von 100 000 Starts nur einer in einer Katastrophe endet.

Lusser sagte, daß ein Raumfahrzeug, mit dem der Mensch in absehbarer Zeit zum Mond zu fahren gedenkt, etwa drei Millionen „lebenswichtige“ Teile haben müsse – die elektronischen Geräte inbegriffen. Seine rechnerische Schlußfolgerung: Nur eine von 100 000 Besatzungen würde zurückkommen. Und resignierend setzte er hinzu, er glaube nicht, daß seine „ketzerische Warnung“ den Gang der Ereignisse beeinflussen werde. Und wirklich hob Dr. Kuettner zur Gegenrede an. Nur ein Erfolg bei hunderttausend Versuchen? Schon mit den heutigen Mitteln ließe sich der Zuverlässigkeitsgrad bei den Raumraketen auf das Verhältnis von eins zu drei verbessern!

Sei es, wie es sei! Der Mensch wird – das war auch Kuettners Ansicht – sich nicht abschrecken lassen. Er wird den Raumflug wagen!