Wer sich bei einem Stoßtrupp in die noch „unerforschten Gebiete moderner Kunst mit möglichst großer Sicherheit bewegen will, tut gut daran, ganz, außen zu gehen. Auf dem linken Flügel der Avantgarde droht das Feuer nur von den Reaktionären rechts; am rechten Rande konservativer Auffassungen weiß man: der Feind steht links. (Wollen Sie freundlicherweise davon absehen, „rechts“ und „links“ auch noch politisch auszudeuten!)

Der Mittelweg ist mit Recht wenig beliebt. Nicht nur, daß derjenige, der ihn entschlossen geht, sich dem Feuer von rechts und links aussetzt und niemals weiß, von welcher Seite nun der nächste Schuß fällt. Da Undank der Welt Lohn ist, muß er darüber hinaus gar noch den Verdacht lauer Unentschiedenheit auf sich nehmen. Dem Mittelweg wird auch nur ungern das Adelsprädikat der „Linie“ verliehen – und wo kämen wir hin ohne Linie?

Wir finden, daß wir es trotzdem noch ein bißchen weiter in der Mitte versuchen wollen, und das, soweit es gelingt, ohne lau zu werden. Wir finden die Einteilung hie „modern“ („modisch“ sagen die Bösen) und da „klassisch“ („klassizistisch“ rügen die Empörten) ebenso soziologisch interessant wie künstlerisch irrelevant. Wir – und das ist kein pluralis majestatis, sondern Ausdruck der Tatsache, daß sich alle Mitarbeiter dieser Zeitung darüber im wesentlichen einig sind – wir glauben nicht, daß Kunst ausschließlich Spiel sei und all ihren Wert aus dem Luxus des Überflüssigen bezöge; wir glauben ebensowenig, daß ihr nur mit fanatischem Ernst gedient werden könne.

Wir finden es daher zum Beispiel nicht nur amüsant, sondern auch sachdienlich, uns einmal leichtfertige Gedanken über den (in nebenstehendem Artikel – weniger leichtfertig – auch von Wolfgang Hildesheimer vertretenen) Zusammenhang zwischen Kunstgeschmack und Lebensalter zu machen. Dazu können die hier und auf den folgenden Seiten abgebildeten „Metamorphosen eines Künstlers“ anregen, die ja, mit ihrer grimmigen Pointe, nicht ganz ohne Wahrheitsgehalt sind. Wieviel? Wie wenig? Wer wollte das entscheiden.

Zur Erinnerung-und Ergänzung noch einmal im Kleinstformat der Bildhauer (mit Frau und Werk) im Alter von etwa dreißig und dann von etwa vierzig Jahren, wie wir sie bereits in den letzten beiden Nummern der ZEIT gebracht haben. Wir entnehmen sie der satirischen

englischen Zeitschrift „Punch“, der es in den letzten Jahren gelungen ist, sich wieder sehr kräftig einzuschalten in die geistigen Auseinandersetzungen dieser Zeit und gleichzeitig den allzu insularen Rahmen zu sprengen, der den „Punch“ früherer Jahre für Nicht-Engländer nahezu ungenießbar machte.

Wer den Weg der Mitte sucht, kann gar nicht anders, als immer einmal wieder einer Gestalt mit gestreiften Hosen, Melone und gerolltem Regenschirm zu begegnen, die ihm die Richtung weist. England ist ja, da wir gerade bei den Bildhauern sind, nicht nur das Land der königlichen Akademiker, sondern eben auch Heimat des wohl Größten unter den zeitgenössischen Experimentatoren der bilderhauenden Zukunft: Henry Moores. Leo