Von Ernst Stein

Man soll die Lobredner der Vergangenheit einmal beim Wort nehmen. Man soll die Kritiker, die versunkener Größe nachflöten, fragen, wann sie zuletzt den „Grünen Heinrich“ gelesen haben; ob sie immer in der Stimmung für Fontane sind; und ob sie im Lichtenberg mehr als blättern. Die Größe eignet sich nun einmal nicht für jeden Augenblick, und die Vergangenheit taugt nicht zum Maßstab. Wenn aber aus der Versenkung nur ein Knirps von einst auftaucht, sagen wir: ein alter Unterhaltungsroman, dann ergibt sich überhaupt nur die Frage, ob man sich dabei noch unterhalten kann.

Ein Unterhaltungsroman von 1907 ist jetzt neu aufgelegt worden –

Otto Julius Bierbaum: „Prinz Kuckuck – Leben, Taten, Meinungen und Höllenfahrt eines Wollüstlings“; Albert Langen-Georg Müller Verlag, München; 764 S., 19,80 DM.

Dieser Schlüsselroman verursachte vor einem halben Jahrhundert einen Skandal, wie ihn die Literatur nicht oft erlebt. Der Untertitel deutete galantes achtzehntes Jahrhundert an, und bei dem Wort Wollüstling überrieselte es jene Generation, wiewohl es nicht viel mehr bedeutete als „ohne Ehering“.

Das Buch war pikant (schon damals drehte einem dieser Ausdruck den Magen um), es war äußerst unterhaltsam und eine bodenlose Niederträchtigkeit. Die Urbilder sind, bis auf eine respektierte Gestalt unseres Schrifttums, nicht mehr am Leben – die Unterhaltung ist geblieben.

Bierbaum war vieles: Literat und Schöngeist, Librettist und Kabarettier, Kunstkenner, Erzähler, Herausgeber verschollener alter und unentdeckter neuester Dichtung – und das alles als Oberbau eines mit allen Wassern gewaschenen Journalisten, ja Revolverjournalisten. Der Revolver war der „Prinz Kuckuck“, gezückt gegen einen Mann, der zur Romanfigur geboren war, dessen Lebenslauf die Zeit bis 1914 fast verkörperte und mit ihr endete: Alfred Walter Heymel. Der Name bedeutet uns nichts mehr, aber er sollte uns etwas bedeuten, denn diesem Lebemann, Verschwender, Frauenhelden, Lyriker, Rennstallbesitzer, Kunstmäzen und Freund vieler Freunde, seinem Enthusiasmus und seinen Millionen verdankt die deutsche Literatur die Gründung des Insel-Verlags.