Österreich und Deutschland sind "durch eine gemeinsame Sprache getrennt" — wie England und Amerika. Das hat die deutsche Literatur jahrzehntelang um den genialen Witz Nestroys gebracht, und es hat die österreichische Literatur oft genug in eine schiefe Lage versetzt, weil sie mit dem Seitenblick auf den gesamtdeutschen Sprachraum nicht schreiben konnte, wie ihi der Schnabel gewachsen war. Hofmannsthal litt unter diesem Zwiespalt — es war nicht sein einziger — und nahm seine Zuflucht zum "Rosenkavilier" und den Aristokratenkomödien. Seither hat sich diese Sprachenfrage von selbst gelöst, denr das echte Wienerisch ist ausgestorben, und H. C. Artmanns manchmal hervorragende Mundarllyrik zum Beispiel kann selbst von manchen farbechten Österreichern nur mit einem Glossar gelesen wetden.

Schön wars, könnte man sich einreden, daß die österreichischen Autoren, die sich heute einen Namen machen, echte Österreicher seien, zumal wenn sie alte Österreicher sind wie Heimito von Doderer, dessen kleine Erzählungen, aus drei Jahrzehnten zusammengetragen, jetzt vorgelegt werden. Sie muten aber gar nicht österreichisch an, wie auch Robert Musil, trotz dem "Mann ohne Eigenschaften", immer weniger als Österreicher anzusprechen war — und Doderer ist der Musil des kleinen Mannes. Diese Geschichten — Heimito von Doderer: "Die Peinigung der Lederbeutelchen"; Biederstein Verlag, Vtünchen; 236 S, 9 80 DM haben nichts Wienerisches, auch wenn er "am" Bahnhof sagt, "auf" etwas vergißt und als Relativpronomen fast nur "welcher" gebraucht. Er schreib) aber auch "nuggat", wenn er "nugget", Goldkörnchen, meint und nicht Nougat, er schreibt "clerk" mit a — damals waren wir eben international noch nicht so bewandert. Aber ist man es nicht, wenn schon nicht dem eigenen Werk, so doch seinem guten Ruf, vor allem aber dem Käufer und Leser schuldig, dreißig Jahre alte Ware wenigstens auf Sprachschäden und Mottenfraß durchzusehen, bevor man sie im Kielwasser zweier Erfolgswälzer nachschwimmen läßt? Wäre Doderer nicht der Autor der "Struilhofstiege" und der "Dämonen", man würde diese Feuilletons, für den Tag geschrieben, füi die Unterhaltungsbeilage, herzlich unbedeutend finden. Und da er der Autor dieser beiden Romane ist, erst recht. Es läßt sich nicht verheimlichen, diese Kurzgeschichten, auch wenn sie apait als "Kürzestgeschichten" auftreten, sind von einer Albernheit, die fast wie ein Schabernack anmutet. Der Versuch, amerikanisch geschnittenes Magazinfutter mit barockem Faltenwurf zu drapieren, ist restlos mißglückt, und was dabei bedenklich stimmt, ist weniger das verständliche Unternehmen, einen nicht unverdienten Ruhm auch den Inhalt alter Schreibtischladen bestrahlen zu lassen, als die gebotene Auslese der neuesten Kürzestgeschichten aus den allerletzten Jahren — was man demnächst die zweite SchafTensperjode des Meisters nennen wird —, denn sie sind auch nicht besser. Dem Renommee Doderers wird durch diese Publikation kein guter Dienst erwiesen.

Lebendiges Geschenk aus der Hand eines Toten: ein nachgelassener, lange geplanter Roman von Leo Perutz, der vor zwei Jahren starb — einer der letzten großen Erzähler, vielleicht der letzte; Meister jener schon seit Beginn unseres Jahrhunderts absterbenden Romankunst, die sich mit dem Erzählen begnügte und begnügen durfte, weil ihr noch gute Geschichten einfielen. Weil jede Situation, jeder Charakter präzise gestaltet war und die Handlung sich aus sich selber steigerte, Die Probleme konnten dann für sich selber sorgen, die Moral sich selber entwickeln. Jedes Blatt war säuberlich gezeichnet, saß genau am Ast, und man sah den Baum, den ganzen Wald in einem Blatt. Heute sieht man den Bauni vor lauter Wald nicht mehr, den Roman nicht vor Problemen.

Leo Perutz schrieb historische Romane: Die Zeit Karls V, der napoleonische Feldzug ir. Spanien, das Frankreich Richelieu?, die Kriege des Schwedenkönigs Karl XII, das Prag Rudolfs II. — das ist die Welt dieser Romane: Sie gelt uns heute nichts mehr an — nicht wahr? Aber wir erlebten diese Welt als die unsere, ihre Gestalten waren uns gegenwärtiger als die zeitgenössischen Schemen, die uns heute im Roman behelligen. Die handwerkliche Kunst, die mathematische Genauigkeit der Struktur, die Sparsamket der Mittel, die wie Überfülle wirkt, treten uns noch einmal in diesem letzten Buch entgegen: Leo Perutz: "Der Judas des Leonardo"; Paul Zsolnay Verlag, Hamburg und Wien; 232 S , 12 80DM.

Der Roman sollte, wenn ich mich recht erinnere, ursprünglich (und besser) "Der Judas des Abendmahls" heißen. Alexander Lernet Holenia hat ihn durchgesehen, nicht immer sehr genau, denn es sind einige sprachliche Muttermale stehengeblieben, die der große Stilkünstler Perutz getilgt hätte. Aber da Lernet Holenia ihn seinen "besonders verehrten Lehrmeister" nennt, sei ihm die gelegentliche Flüchtigkeit nachgesehen. Es ist das Florenz Leonardos, das auf diesen zweihundert Seiten ersteht. Aber Leonardo, der Mittelpunkt der Erzählung, überglänzt nur episodisch die Handlung. Er arbeitet an seinem Abendmahl, aber die Arbeit stockt, denn ihm fehlt der passende Kopf für seinen Judas, Ein böhmischer Kaufmann, ein Joachim Behaim; trifft in Geschäften in Florenz ein, um eine Schuld von siebzehn Dukaten einzutreiben Der Schuldner ist der gewissenloseste "Wucherer der Stadt, verachtet und verhaßt, das Geld ist so gut wie verloren. Behaim verliebt sich in eine süße Unsdiuld, und Niccola erwidert mit rührender Glut seine Liebe, ihre erste.

Dann erfährt der Kaufmann von dem Vagabunden und Bänkelsänger, Trinker und Spieler Mancino — er könnte Franjois Villon sein — wer seine Liebste ist. Die Tochter des Wucherers ist sie.

Und Behaims Liebe ist mit einem Schlage verflogen; er kann das Mädchen nicht mehr lieben, dessen Vater ihm seine siebzehn Dukaten vorenthält; er kann ihre Liebe nur noch gebrauchen, um zu seinem Geld zu kommen. Sie bringt es ihm und erhält den Laufpaß. Der Maler Leonardo, dem diese Geschichte im Wirtshaus zugetragen wird, beginnt zu zeichnen. Er skizziert einen Kopf. Er hat seinen Judas gefunden: Nicht den elenden Wucherer, sondern den Mann, der seine Liebe, nicht um dreißig Silberlinge, aber für siebzehn Dukaten verkauft hat.