Hier unterbrach der Untersuchungsrichter seinen Redefluß und fragte nunmehr, ernst geworden, in seiner bedächtigen Art: "Wie heißt dieser Schulkamerad?" A. D vermochte sich des Namens nicht zu entsinnen.

"Vielleicht frischt das Ihr Gedächtnis a u f " Der Untersuchungsrichter schob ihm scheinbar beiläufig eine Zeitung hin. Es war die Leipziger mokratischen Partei in Leipzig. Ein kleiner Artikel in diesem Blatt war rot angestrichen. Darin hieß es, die legalen Verbände der Reichswehr würden vorwiegend mit Angehörigen des "Stahlhelms" verstärkt; die Arbeiterschaft müsse deshalb größere Wachsamkeit üben.

Für A. D war dies nichts Neues. In der Reichswehr wußte jedermann davon, und A. D hatte Anlaß anzunehmen, daß dies auch außerhalb der Reichswehr jedermann wisse. Er ahnte nicht, was dieser Artikel in der Zeitung der SPD — einer Regierungspartei im Lande Sachsen vor und nach der Reichsexekution — mit seinem "Fall" zu tun hatte. Nun, das sei doch ganz klar: Er, A. D , stünde eben in dem Verdacht, geheime Tatsachen, deren Kenntnis ihm auf Grund seiner Dienststellung in der Reichswehr zugekommen sei, unter Bruch des Dienstgeheimnisses dieser Leipziger Zeitung mitgeteilt zu haben.

A. D stockte der Atem. Was wollte man ihm in die Schuhe schieben? Er hatte ja keinerlei Verbindung zu dieser Zeitung, kannte keinen ihrer Redakteure, es war ihm vollkommen gleichgültig, was in diesem Blatt da stand. Es war ja auch gar kein Geheimnis. So viel wie er wisse doch jedermann von diesen Sachen! Der Untersuchungsrichter besah sich nachdenklich diesen Mann, der aus seiner Farblosigkeit, aus seiner menschlichen Reserve nur heraustrat, wenn er auf diesen Schulkameraden zu reden kam, von dem er angeblich nicht mehr wußte, wie er hieß. Sodann diktierte der Untersuchungsrichter einem grauen Männchen, das die ganze Zeit mit verdrossener Miene vor seiner Schreibmaschine gesessen und verstohlen seine Fingernägel gereinigt hatte, ein kurzes Protokoll, in dem sehr wenig von der Desertion, ein wenig mehr von dem Schulkameraden die Rede war, aber — auf A. D s ausdrückliches Verlangen — eine Menge von Beteuerungen, daß A. D von diesem Artikel nichts wisse, daß er nie etwas über die "Schwarze Reichswehr" verbreitet habe.

Der Untersuchungsrichter verabschiedete sich freundlich, indem er verhieß, A. D werde milde Richter finden, wenn er ein volles Geständnis ablege. Danach ließ er A. D in seine Zelle abführen. Da saß nun A. D und dachte über den Begriff "umfassendes Geständnis" nach.

Er hatte keinen Verteidiger, er kannte keinen. Ein Wachtmeister sagte ihm, er müsse unbedingt einen Verteidiger haben, und er fand es schlimm, als A. D auf seine Mittellosigkeit hinwies. Fast alle waren freundlich zu A. D. Er war im Grunde noch nie unter so viel freundlichen Menschen gewesen. Zuerst hatte er die Freundlichkeit der Beamten als wohltätig empfunden, sie geradezu als eine Sympathiekundgebung für ihn und seinen "Fall" aufgefaßt. Er hatte später Zeit und Gelegenheit, zu erfahren, daß solche Freundlichkeit bei al! jenen Menschen vorkommt, die beruflich verpflichtet sind, innerlich unbeteiligt zu sein. Schließlich erfuhr er, daß ihm vom IV. Strafsenat des Reichsgerichts ein Offizialverteidiger zugeteilt worden sei. Er erfuhr ferner, daß der IV. Strafsenat des Reichsgerichts zuständig sei für Hochverrat. Ja, wegen Hochverrat! A, D richtete an seinen Offizialverteidiger ein dringendes Schreiben mit der Bitte, ihn doch einmal aufzusuchen.

Aber ehe der Offizialverteidiger kam, erschien in der Zelle der väterliche Untersuchungsrichter in Begleitung von zwei freundlichen Herren, die freundlich lächelten, als A. D gefragt wurde, ob er die beiden Herren kenne. A. D kannte die beiden Herren nicht. Die beiden Herren kannten auch A. D nicht. Sie lächelten freundlich und gingen. Mit ihnen ging der Untersuchungsrichter. Das war alles.