Damit niemand lüge

Von René Drommert

Werner Krauss, durch den berühmten Ifflandring, den er nach Albert Bassermann erhielt, als der beste zeitgenössische Schauspieler deutscher Sprache ausgezeichnet und im Jahre 1954 mit dem Großen Bundesverdienstkreuz dekoriert, hat höchst charakteristische Wünsche geäußert, wie er nach seinem Tode beizusetzen sei. Er wollte, daß man seinen Sarg auf der leeren Bühne des Burgtheaters ins Arbeitslicht stelle. Die Kollegen sollten ihn anschauen können. Sie sollten vor Augen geführt bekommen, daß zu einem Häuflein Elend auch wird, wer auf der Bühne oft König war.

Weder im Theater noch im Krematorium, wo er Dienstag eingeäschert worden ist, sollte irgend jemand eine Rede halten, kein Minister, kein Bürgermeister, kein Direktor, kein Schauspieler. Und Krauss hat die Begründung hinzugefügt: damit niemand in Versuchung komme zu lügen.

Das bedeutet wahrlich einen großen Abgang, einen wohlgezielten schauspielerischen Effekt noch nach dem eigenen Ende. Denn wer sollte nicht bei der Gegenüberstellung so scharfer Gegensätze wie "König" und "Häufchen Elend" von der Menschheit ganzem Jammer erfaßt werden und in tiefsinnige Meditationen geraten?

Cäsar, Napoleon, Richard III., Rudolf von Habsburg, Philipp von Spanien, der in Einsamkeit und Wahnsinn hinausgestoßene Lear – all das wollte er sein, der "dämonische Postbote", wie ihn Max Reinhardt einst genannt haben soll, ihn, der als armer Dorfjunge und Zögling eines Waisenhauses aufgewachsen war.

Krauss hatte etwas ungewöhnlich Gebieterisches an sich; die weichen, lyrischen Töne fehlten: Kaum eine Liebesszene haftet in der Erinnerung.

Das Gebieterische – Überlegenheit, Weitblick und gezügelte Kraft – befähigte ihn, große Räume mit seiner Figur, mit seinem Schritt, seinem Atem, seiner Sprache zu füllen. Seine Stimme war rauh, zuweilen kreischend, man hat sie sogar mit einer Blechtrompete verglichen. Augeneindrücke bleiben stärker in Erinnerung; etwa die schwere, schwankende, noch, zögernde und doch schon lauernde Tapsigkeit des Schusters Voigt, wenn er, aus dem Gefängnis entlassen, den Weg zum Trödler nimmt, um sich eine Hauptmannsuniform zu erhandeln.

Damit niemand lüge

Krauss hat mir einmal – es war bei seinem Rudolf II. (Grillparzers "Bruderzwist im Hause Habsburg") – erklärt, daß er durch das Spiegelbild seiner eigenen Gestalt inspiriert werde: Der kostümierte, geschminkte, eine Perücke tragende Mann im Spiegel bedeutete für den Schauspieler den Umriß der fremden, historischen Gestalt. Diesen Umriß füllte er – wie er sagte – mit Inhalt aus, dank einem intuitiven und schöpferischen Akt. Es war hier nicht der Geist, der sich den Körper baut. Umgekehrt: es war der Körper, der den Geist herbeirief, um mit ihm ein Ganzes und Unteilbares zu ergeben.

Kronzeugen seiner Karriere in den zwanziger und dreißiger Jahren (er war damals mit der Schauspielerin Maria Bard verheiratet und spielte im Deutschen Theater bei Reinhardt und im Berliner Staatstheater am Gendarmenmarkt) bemerken immer wieder: am meisten haften in der Erinnerung optische Eindrücke und nicht akustische (wie etwa bei Josef Kainz, Friedrich Kayssler, Fritz Kortner).

Denke ich an die Krauss-Rolle, die auf mich den allerstärksten Eindruck gemacht hat, so war es der Virchow im Robert-Koch-Film von 1939. Die Titelrolle spielte ein Darsteller, mit dem Krauss ein Leben lang befreundet war: Emil Jannings. Er charakterisierte den Entdecker des Tuberkelbazillus mit den Mitteln einer Persönlichkeit, die über Vitalität, Temperament und Emotionen souverän verfügt, während Krauss seine Wirkung als Virchow aus der Gegensätzlichkeit des Stils erzielte. Nicht die Intuition, der große Ausbruch, das "Mitreißende" wirkte, sondern eine gewiße Dämonie des Pedantischen, die sogar in der Exaktheit der Schritte, Bewegungen und Gesten sichtbar wurde. Das war eine glänzende Studie, erarbeitet in vielen Wochen, in denen Krauss es lernte, nur noch zu gehen, zu gestikulieren und zu sprechen, wie der Virchow des Films es forderte, der dem historischen Virchow nachgebildet war. Krauss war kein Ich-Spieler, er war ein Rollenspieler, ein Verwandlungskünstler.

Am 23. Juni 1884 in Gestungshausen bei Coburg geboren, hat er von 1913 bis 1945 in Berlin, dazu an der Wiener Burg (von 1928 bis 1929 und 1933 bis 1934), seit 1948 am Berliner Schiller- und Schloßpark-Theater, am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg, am Düsseldorfer Schauspielhaus gewirkt und ein unruhevolles Daseii geführt: immer beachtet, meist bewundert und gefeiert, zuweilen geschmäht.

Nach dem Kriege wurde es ihm verboten, seinen Beruf auszuüben, weil er im Jahre 1940 unter Veit Harlans Regie im Film "Jud Süß" mitgespielt hatte. Bei seinem ersten Berliner Wiederauftreten gab es Proteste, Schlägereien, Verletzte. Doch könnten wohl für mildernde Umstände, für die auch Carl Zuckmayer und Julius Bab plädierten, einige Überlegungen ins Feld geführt werden. Man sollte doch nicht ganz vergessen, daß sich der Schauspieler ein Leben nur ausleiht, und damit auch Form, Gesittung und Moral dieses Lebens. Die geliehene Moral muß nicht identisch sein mit der eigenen.

Der Schauspieler, der noch nach dem Tode durch seine Beisetzungswünsche eine Rolle annahm, hat um Schweigen gebeten, weil er uns Lügen ersparen wollte. Schweigen wir also über seinen "Jud Süß" – um nicht in die Versuchung zu geraten, falsche Proportionen in die Beschreibung seines Lebens zu bringen, Überakzentuierung hineinzusetzen ins Porträt eines genialischen Verwirklichers dramatischer Literatur auf der Bühne.