Krauss hat mir einmal – es war bei seinem Rudolf II. (Grillparzers "Bruderzwist im Hause Habsburg") – erklärt, daß er durch das Spiegelbild seiner eigenen Gestalt inspiriert werde: Der kostümierte, geschminkte, eine Perücke tragende Mann im Spiegel bedeutete für den Schauspieler den Umriß der fremden, historischen Gestalt. Diesen Umriß füllte er – wie er sagte – mit Inhalt aus, dank einem intuitiven und schöpferischen Akt. Es war hier nicht der Geist, der sich den Körper baut. Umgekehrt: es war der Körper, der den Geist herbeirief, um mit ihm ein Ganzes und Unteilbares zu ergeben.

Kronzeugen seiner Karriere in den zwanziger und dreißiger Jahren (er war damals mit der Schauspielerin Maria Bard verheiratet und spielte im Deutschen Theater bei Reinhardt und im Berliner Staatstheater am Gendarmenmarkt) bemerken immer wieder: am meisten haften in der Erinnerung optische Eindrücke und nicht akustische (wie etwa bei Josef Kainz, Friedrich Kayssler, Fritz Kortner).

Denke ich an die Krauss-Rolle, die auf mich den allerstärksten Eindruck gemacht hat, so war es der Virchow im Robert-Koch-Film von 1939. Die Titelrolle spielte ein Darsteller, mit dem Krauss ein Leben lang befreundet war: Emil Jannings. Er charakterisierte den Entdecker des Tuberkelbazillus mit den Mitteln einer Persönlichkeit, die über Vitalität, Temperament und Emotionen souverän verfügt, während Krauss seine Wirkung als Virchow aus der Gegensätzlichkeit des Stils erzielte. Nicht die Intuition, der große Ausbruch, das "Mitreißende" wirkte, sondern eine gewiße Dämonie des Pedantischen, die sogar in der Exaktheit der Schritte, Bewegungen und Gesten sichtbar wurde. Das war eine glänzende Studie, erarbeitet in vielen Wochen, in denen Krauss es lernte, nur noch zu gehen, zu gestikulieren und zu sprechen, wie der Virchow des Films es forderte, der dem historischen Virchow nachgebildet war. Krauss war kein Ich-Spieler, er war ein Rollenspieler, ein Verwandlungskünstler.

Am 23. Juni 1884 in Gestungshausen bei Coburg geboren, hat er von 1913 bis 1945 in Berlin, dazu an der Wiener Burg (von 1928 bis 1929 und 1933 bis 1934), seit 1948 am Berliner Schiller- und Schloßpark-Theater, am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg, am Düsseldorfer Schauspielhaus gewirkt und ein unruhevolles Daseii geführt: immer beachtet, meist bewundert und gefeiert, zuweilen geschmäht.

Nach dem Kriege wurde es ihm verboten, seinen Beruf auszuüben, weil er im Jahre 1940 unter Veit Harlans Regie im Film "Jud Süß" mitgespielt hatte. Bei seinem ersten Berliner Wiederauftreten gab es Proteste, Schlägereien, Verletzte. Doch könnten wohl für mildernde Umstände, für die auch Carl Zuckmayer und Julius Bab plädierten, einige Überlegungen ins Feld geführt werden. Man sollte doch nicht ganz vergessen, daß sich der Schauspieler ein Leben nur ausleiht, und damit auch Form, Gesittung und Moral dieses Lebens. Die geliehene Moral muß nicht identisch sein mit der eigenen.

Der Schauspieler, der noch nach dem Tode durch seine Beisetzungswünsche eine Rolle annahm, hat um Schweigen gebeten, weil er uns Lügen ersparen wollte. Schweigen wir also über seinen "Jud Süß" – um nicht in die Versuchung zu geraten, falsche Proportionen in die Beschreibung seines Lebens zu bringen, Überakzentuierung hineinzusetzen ins Porträt eines genialischen Verwirklichers dramatischer Literatur auf der Bühne.