R. N. London, Ende Oktober

Zum erstenmal seit mehr als zwanzig Jahren werden die Briten auf Ferienreisen im Ausland nun wieder ganz nach Belieben Devisen ausgeben können. Nachdem die Bank von England den Skandinavien-Reisenden vor einiger Zeit bereits eine jährliche Devisenquote von 250 Pfund pro Kopf zugestanden hatte, werden ab 1. November auch die Touristenquoten für andere Urlaubsziele von bisher 100 auf 250 Pfund heraufgesetzt. Die Bank von England hat trotz der Tatsache, daß britische Auslandreisende im Schnitt kaum mehr als 50 £ (600 DM) ausgeben und die Freigabe daher die Devisenbilanz kaum belasten sollte, die Bewirtschaftung formal noch nicht liquidiert. Denn sonst wäre das Pfund für den Devisen-Inländer konvertibel geworden, und die Währungsbehörden hätten auf Grund des Abkommens über den Währungsfonds (IMF) jede Kontrolle über den Kapitalexport verloren.

Wenn England jetzt auch noch die (einstweilen erst zu 75 v. H. liberalisierte) Dollarwaren-Einfuhr von den restlichen Beschränkungen befreien würde, dann wäre der Sterling konvertibel im Sinne von Artikel 8 der IMF-Charta. Die Diskriminierung gegen den Dollar dürfte nun allein schon deshalb bald hinfällig sein, weil sie sich nicht mehr mit einer Devisenknappheit rechtfertigen läßt, sondern nur noch protektionistischen Zwecken dient. Die Londoner City überlegt daher bereits, daß nach der Reisedevisen-Maßnahme und der vermutlich nahe bevorstehenden vollen Dollarimport-Liberalisierung eine baldige Ausdehnung der Ausländer-Konvertierbarkeit auf Kapitaltransaktionen zu erwarten sein könnte.

Die Entwicklung der Währungslage ist überaus erfreulich. Noch vor wenigen Monaten war befürchtet worden, daß der rapide Anstieg der nordamerikanischen Geldsätze einen stärkeren Abfluß internationaler Fonds aus London nach New York auslösen würde und der Schatzkanzler zu Defensiv-Maßnahmen gezwungen sein könnte. Heute ist der Sterling sowohl gegenüber dem Dollar wie auch gegenüber der Mehrzahl kontinentaler Valuten ausgesprochen fest. Wie in England, so gibt es auch im ganzen Sterlingraum keine ernsthaften Zahlungsbilanz-Probleme. All das hat in der City der Auffassung neuen Auftrieb gegeben, daß der Abbau der britischen Devisenbewirtschaftung in Kürze bis zur Vereinheitlichung der beiden bisher getrennten Pfundsorten (Wertpapier- und Handelspfund) vorangetrieben werde.

Solche Wertschriften-Pfunde (security Sterling) entstehen u. a. beim Verkauf ausländischer Sterlingguthaben. Sie sind in den vergangenen Monaten vor allem für Investment-Zwecke vermehrt nachgefragt worden und dürften angesichts der guten Renditen des Aktienmarktes auch weiterhin hoch im Kurse stehen. Würde auch der Wechselkurs dieser Wertschriften-Pfunde offiziell garantiert, so wäre damit ein Zustrom fremden Geldes an die britischen Börsen verbunden.

Erfahrungsgemäß haben solche ausländischen Börsenengagements aber den Charakter von „hot money“ (international vagabundierendes „heißes Geld“), und deshalb ist bei einer Zusammenfassung von Wertschriften- und Handelspfund auch zu befürchten, daß sie die Anfälligkeit der britischen Währung steigern könnte. Ein weiteres Abwarten mag der Schatzkanzler auch für geraten halten, weil dem Pfund im kommenden Frühjahr stärkere Belastungsproben bevorstehen könnten wenn die westliche Welt bis dahin wieder in einen Boom mit inflationären Vorzeit chen geraten sollte. Es ist durchaus möglich, daß die bisher noch enttäuschende Investitionstätigkeit der britischen Industrie sich jetzt kräftig erholt. In der Folge könnte auch der Einfuhrbedarf beschleunigt wachsen – mit entsprechenden Rückwirkungen auf die Zahlungsbilanz.