J. K., Paris, Ende Oktober

Die erste Etappe in der Erschließung der Erdölreichtümer der Sahara ist mit der Fertigstellung der Pipeline von Hassi-Messaoud nach dem algerischen Hafen Bougie beendet worden. Bisher hat Hassi-Messaoud rund 1 Mill. t Rohöl geliefert. Es wurde per Bahn nach Bône transportiert. Die neue Ölleitung kann anfangs von 38 Erdölbrunnen in Hassi-Messaoud gespeist werden und wird im nächsten Jahr etwa 10 Mill. t Rohöl transportieren. Mit 100 Brunnen wird nach den gegenwärtigen Plänen das Abbauziel in Hassi-Messaoud erreicht sein. Weiter südlich in dem Gebiet von Edjelé sind weitere Brunnen ausstoßbereit. Zwischen Hassi-Messaoud und Edjelé ist bei Hassi el Gassi ein drittes, sehr reiches Erdölgebiet entdeckt worden.

Die Schätzungen über den Erdölreichtum der Sahara müssen also ständig nach oben revidiert werden. Das staatliche französische Erdöl-Forschungsbüro, das die abbaufähigen Reserven in Hassi-Messaoud und Edjelé vor einem Jahr noch auf 150 Mill. t geschätzt hat, meldet jetzt 650 Mill. t, nämlich 500 Mill. t für Hassi-Messaoud und 150 Mill. t für Edjelé. Für Hassi el Gassi liegen noch keine authentischen Schätzungen vor; man spricht von einem neuen Hassi-Messaoud.

Ende 1960 wird die zweite Sahara-Pipeline von Edjelé nach dem tunesischen Hafen Gabès in Betrieb genommen werden. Der Ausstoß an Saharaöl wird dann rasch steigen: 17 Mill. t im Jahr 1961; 22 Mill. t im Jahr 1962; 32 Mill. t im Jahr 1963; 40 Mill. t im Jahr 1964; 50 Mill. t im Jahr 1965.

Von dem politischen Problem abgesehen, stellen die Erschließung und der Abtransport des Ölreichtums der Sahara heute nicht mehr technische, sondern nur noch finanzielle Probleme. Bis Ende dieses Jahres sind rund 350 Mrd. ffrs. investiert worden. 300 bis 400 Mrd. ffrs. werden in den nächsten drei Jahren aufgewendet werden. Die Anlegung eines Brunnens in Hasi – Messaoud kommt auf etwa 600 Mill. ffrs. – zu stehen. Anfänglich hat sich der Staat weitgehend an der Finanzierung beteiligt, aber seit diesem Jahr werden die Ausgaben praktisch ganz durch die beteiligten Gesellschaften selber oder durch Rückgriff auf den Kapitalmarkt gedeckt. Da die kapitalkräftigsten französischen, englischen und amerikanischen Gesellschaften sich in der Sahara engagiert haben, ist die Finanzierung so lange kein Problem, als die Sicherheit der Anlagen gewährleistet bleibt.

Erst dieser Tage haben weitere große amerikanische Ölfirmen – nach der Standard Oil of New-Jersey – eine Schürferlaubnis angefordert, nämlich die der Caltex-Gruppe angegliederten California Asiatic Oil Cy und die Texas Oversea Petroleum Cy. Der Caltex gehört die Aramco, die Konzessionärin der saudiarabischen und anderer arabischer Erdölquellen ist.

Die amerikanischen Weltkonzerne unterhalten gute Beziehungen zur arabischen Welt. Politische Kreise in Paris sind der Ansicht, daß neben anderen Faktoren schon die Tatsache, daß das Saharaöl zum Mittelmeer nun wirklich in beachtlichen Mengen fließt, zur raschen Beilegung des Algerienkonfliktes beitragen kann. Das Interesse Frankreichs an einer vollständigen Erschließung der Ölvorkommen, durch die seine Zahlungsbilanz beträchtlich entlastet werden kann, ist selbstverständlich. Aber auch das Interesse der nordafrikanischen Völker an diesen Schätzen und damit in einer Lösung des Algerienkonflikts ist nicht minder stark. Sie müssen sich allerdings darüber im klaren sein, daß in zwei bis drei Jahren die französische Sahara nicht alleiniger Ölproduzent in Nordafrika sein wird. Ab 1962 wird Libyen voraussichtlich mindestens 25 Mill. t, vielleicht noch weit mehr, produzieren, und zwar vornehmlich durch amerikanische Gesellschaften. Libyen wird also aller Voraussicht nach ein starker Konkurrent für das Saharaöl auf einem Markt werden, der nach den Angaben des Präsidenten der Standard Oil of New-Jersey unter dem Druck einer Überproduktion stehen wird.