Wofür Kornberg und Ochoa den Nobelpreis erhielten – „Alles ist Chemie“

Von Theo Löbsack

Werden wir unsere Erbanlagen einst künstlich verändern können? Wird es uns einmal gelingen, menschliche Schicksale beliebig zu lenken, indem wir die Erbsubstanzen durch Medikamente gezielt beeinflussen?

Diese Fragen drängten sich auf, als das Carolinische Mediko-Chirurgische Institut in Stockholm die diesjährigen Nobelpreisträger für Medizin und Physiologie bekanntgab. Es sind die beiden amerikanischen Biochemiker Professor Dr. Arthur Kornberg von der kalifornischen Stanford-Universität und der in Spanien geborene Professor Dr. Severo Ochoa von der Universität New York. Beide erhielten den mit etwa 180 000 Mark verbundenen Preis je zur Hälfte für bahnbrechende Leistungen auf dem Gebiet der Vererbungsforschung.

Um zu verstehen, was es mit dem preisgekrönten Werk auf sich hat, müssen wir in die mikroskopische Welt der Chromosomen hinabsteigen, jener winzigen, faden-, haken- oder körnchenförmigen Gebilde in den Zellkernen der Lebewesen, die die stofflichen Träger der Erbanlagen sind. Die chemischen Wirkungen, die von den Chromosomen ausgehen, entscheiden auf geheimnisvolle Weise darüber, ob ein Mensch mit braunen oder blauen Augen zur Welt kommt, ob er freistehende oder angewachsene Ohrläppchen hat, oder ob er von sanfter oder cholerischer Natur ist.

DNS – wie eine Wendeltreppe

Studiert man die Chromosomen und ihre Funktion genauer, so zeigt sich, daß die Erbanlagen (Gene) perlschnurartig in ihnen aufgereiht liegen, Hunderte und mehr hintereinander. Allein beim Menschen schätzt man ihre Zahl auf 40 000. Es hat sich weiter erwiesen, daß die Chromosomen vorwiegend aus einem merkwürdigen Stoff bestehen, der von Eiweißsubstanzen umhüllt ist wie der Docht vom Kerzenwachs. Chemiker haben diesem Stoff den zungenbrecherischen Namen Desoxyribonucleinsäure gegeben (DNS). Ihrer chemischen Struktur nach ist die DNS ein Verband aus Tausenden von wohlgeordneten Atomen, ein langgestrecktes Gebilde aus schraubenartig gewundenen, doppelfädigen Riesenmolekülen. Bei einiger Phantasie könnte man sie mit einer Wendeltreppe vergleichen.