Für die Börse hatte die Diskonterhöhung schon am Montag voriger Woche stattgefunden, also nicht erst am Donnerstag der Vorwoche, dem Termin ihrer Verkündung. Wie immer wurden drohende Ereignisse sehr rechtzeitig in den Kursen eskomptiert. Da es kaum einen Zweifel geben konnte, daß der Zentralbankrat nach seiner „Vorwarnung“ mit der vorhergehenden leisten Diskonterhöhung einen drastischen Schritt machen wollte, fiel auch die Kurskorrektur nach unten entsprechend kräftig aus. „Um das Schlimmste zu verhüten“, sahen sich einige Banken zu Interventionen veranlaßt. Sie mußten zu Beginn der Vorwoche Millionenbeträge aufnehmen, um dem Kursrutsch Einhalt zu gebieten. Daß sich dieser Eingriff für sie gelohnt hat, zeigt die Kursentwicklung. Die aufgenommenen Aktien sird inzwischen zu einem großen Teil um rund 10 v. H. ihres Wertes gestiegen...

Der Übergang von der ausgesprochen schwachen Tendenz zu steigenden Kursen wurde erleichtert durch einige Kaufaufträge des Auslandes, die sich zwar nur auf wenige Papiere (IG-Farben-Nachfolger, AEG und Siemens) bezogen; sie haben aber die seit langem in Bereitschaft liegenden inländischen Anleger aus ihrer Reserve herausgelockt. Das wiederum zwang die Spekulation, ihre Baisse-Positionen aufzugeben und sich schleunigst einzudecken. Auf diese Weise waren die Märkte schnell leergefegt, zumal die nervös gewordene Bankenkundschaft ihre Ruhe und Zuversicht wiederfand und jetzt „um keinen Preis“ mehr bereit war, sich von ihren Aktien zu trennen.

So kam es, daß die restriktiven Maßnahmen des Zentralbankrates in den Börsensälen keine negativen Rückwirkungen mehr auf die Kursbildung hatten. Im Gegenteil, man begrüßte die beseitigte Unsicherheit, die letzten Endes schuld an den wenig erfreulichen Börsenwochen der jüngsten Zeit waren. Die Börse wird sich jetzt auf das neue Zinsniveau einstellen. Das wird bei den festverzinslichen Werten nur noch kleine Korrekturen erfordern, denn die Konditionen der Bundesanleihe zeigen, daß die Zinsvorstellungen der Bundesbank über 6 Prozent Effektiv-Verzinsung nicht hinausgehen.

Die Kurserholung nahm ihren Ausgang von den IG-Farben-Nachfolgern und griff sehr schnell auf die Montan-Aktien über, bei denen der günstige Thyssen-Aktionärsbrief eine zusätzliche Anregung bot. Obgleich versucht wurde, die Aufwärtsbewegung zu bremsen, um späteren Enttäuschungen vorzubeugen, waren die Kursgewinne beachtlich. Niemand erwartet jedoch, daß die eingeleitete Aufwärtsbewegung der Anfang einer neuen Hausse ist. Bremsend wird sich die künftig stärkere Beanspruchung des Kapitalmarktes auswirken, die sowohl durch wachsende Anleiheemissionen als auch durch eine Zunahme der Kapitalerhöhungen eintreten wird.

Am meisten gestiegen sind in den vergangenen Tagen die sogenannten Spezial-Aktien mit engem Markt. Ohne Zweifel hatten sie in letzter Zeit Kurseinbußen hinnehmen müssen, die weit über das vertretbare Maß hinausgingen; einfach deshalb, weil einige wenige Aktionäre nervös geworden waren. Zu den über Gebühr gedrückten Papieren zählten auch AktiensolcherGesellschaften, die steuerfreie Zusatzaktien verteilen wollen. Da sich die CDU-Bundestagsfraktion jetzt geeinigt hat, besteht die Möglichkeit, daß das dafür notwendige Gesetz in Kürze verabschiedet werden wird.

Dann wird sich allerdings auch zeigen, daß nicht alle Erwartungen der Börse in dieser Hinsicht in Erfüllung gehen, denn viele Vorstände haben inzwischen durchblicken lassen, wie ungern sie das Grundkapital auf diese Weise erhöhen würden.

Kurt Wendt