Von Rudolf Walter Leonhardt, mit neun Zeichnungen von Paul Flora

Dies sind die beiden großen Ereignisse im alljährlichen Literaturbetrieb der Bundesrepublik: die Messe der Bücher in Frankfurt und die Tagung der Gruppe 47 an jeweils wechselnden Orten. „Große Ereignisse“: denn die Literatur lebt davon, daß Leute darüber reden, darum streiten, leidenschaftlich Partei nehmen, sich in Extreme verrennen, Mittelwege und Maßstäbe suchen; Ereignisse des Literatur-Betriebes: denn was in der Dichtung selber, heute wie zu allen Zeiten, an Großem geschieht, findet vielleicht nicht mehr in Dachkammern, aber ganz gewiß wie von jeher unter Ausschluß der Öffentlichkeit statt.

Ein eigenartiger Pilgerzug setzte sich Ende voriger Woche in Bewegung nach Schloß Elmau, das in einem Hochtal zwischen Garmisch und Mittenwald so liegt, wie der Bergurlauber geruhsamerer Art sich seinen nächsten Ferienort wohl vorstellen möchte. Da kamen große Mercedes-Limousinen und bescheidene Volkswagen, und immer wenn ein Zug auf der Station Klais eingelaufen war, spuckte der kleine Lieferwagen nach kühner Fahrt über einige Kilometer autostraßenunähnlichen Bergweges ein paar von ihnen aus: Schriftsteller und Dichter und Dichterlinge, Verleger und Lektoren, Kritiker und Literaturbeflissene aller Art.

In unserem Zusammenhang kann Schloß Elmau nur am Rande interessieren: Noch während des ersten Weltkrieges gebaut und eröffnet von dem Menschenfreund Johannes Müller, verbindet dieses Hotel (falls man es so nennen darf) die üblichen Aufgaben eines „Beherbungsbetriebes“, so heißt es ja wohl, mit einem „Anliegen“: „den Menschen... Wege zu einem sinnerjüllten menschlichen Leben“ zu zeigen (ich zitiere aus der „Einführung“ des Prospektes). Natur und Rohkost, Musik und Volkstanz scheinen dabei eine wichtige Rolle zu spielen. Es ist nicht jedermanns Sache, dann, wenn er einmal der Bürokratie und dem Betrieb entflohen ist, sich in organisiertem Gemeinschaftsleben zu erholen. Auch gibt es unter uns viele gebrannte Kinder. Wer leicht der Einsamkeit verfällt, ist für die gebotenen Möglichkeiten vielleicht dankbar. Wie dem auch sei – man wohnt gut auf Schloß Elmau, in unaufdringlich, modern möblierten Zimmern, am Fuße eindrucksvoller Bergkolosse, fern, fern den großen Autostraßen; man ißt gut; der Umgangston im Hause ist wohltuend.

Eine der unfreundlicheren, darum aber nicht weniger häufigen Reaktionen, die ich hörte, ehe auch ich mich dem Zuge gen Süden anschloß, klang etwa so: „Nun auch noch Elmau – Gruppe 47 genügt wohl nicht!“ Woraus der geneigte Leser ersehen mag, daß es Aversionen, die wir nicht verfrüht „Vorurteile“ nennen wollen, gegen das eine wie gegen das andere gibt. Sie lassen sich auf die dehnbare und also nicht zufällig so beliebte Formel bringen: Schloß und Gruppe, beide, sind gegründet auf eine „Ideologie“.

Falls die Gruppe 47 eine „Ideologie“ hat, dann hat diese Ideologie mit der von Elmau (die ebenso gewiß vorhanden wie unaufdringlich ist) überhaupt nichts zu tun. Im Gegenteil: hier wirkten die Teilnehmer der „Dichter-Tagung“ (wie es hotelamtlich hieß) eher als Fremdkörper. Aber hat die Gruppe 47 eine „Ideologie“? Ich rekapituliere kurz ihre Geschichte, soweit sie mir bekannt ist: Da waren in einem amerikanischen Kriegsgefangenenlager junge Deutsche versammelt, denen es sehr ernst war mit dem Versuch, es nach dem Kriege besser zu machen; unter ihnen Hans Werner Richter (heute Leiter der Gruppe) und Alfred Andersch. Zurückgekehrt nach Deutschland, gründeten sie die „Zeitschrift der jungen Generation: Der Ruf.“ Wegen starker und fortgesetzter Kritik an der Besatzungsmacht wurde diese Zeitschrift von den Amerikanern verboten. Unverdrossen ging man daran, eine neue Zeitschrift zu gründen. Zu diesem Zwecke versammelte sich ein kleiner Kreis von Freunden und Mitarbeitern 1947 auf dem Gut von Ilse Schneider-Lengyel, in Bannwaldsee im Allgäu. Doch mußte Hans Werner Richter eine traurige Nachricht bekanntgeben: auch die neue Zeitung war bereits verboten.

Es wird literarischer