Von Wolfgang Krüger

Wir stehen am Vorabend einer neuen ernsten Auseinandersetzung über die Verteilung der Einkommen. Die Beamten, Angestellten und Arbeiter des öffentlichen Dienstes und der öffentlichen Betriebe haben zu Buch schlagende Forderungen angemeldet. Noch sind sie zwar im einzelnen nicht genau präzisiert worden, aber es besteht kein Zweifel, daß schon in Kürze die zuständigen Gewerkschaften (Deutsche Postgewerkschaft, Gewerkschaft der Eisenbahner, Gewerkschaft öffentliche Dienste, Transport und Verkehr, Deutsche Angestellten Gewerkschaft) zusammen mit dem Deutschen Beamtenbund zu einem geschlossenen Großangriff auf die Etats und das Portemonnaie der Verbraucher antreten werden, bei dem es um Einkommensverbesserungen für einen Block von etwa zwei Millionen Arbeitern und Angestellten geht; dazu kommen 1,5 Millionen Beamte.

Es wird nicht leicht sein, diese Forderungen mit den Argumenten der volkswirtschaftlichen Vernunft vom Tisch zu fegen. Zwar arbeiten Bundespost und Bundesbahn immer noch mit beträchtlichen Defiziten. Und auch in den öffentlichen Haushalten des Bundes, der Länder und der Kommunen ist kein Platz für höhere Personalkosten zu entdecken. Aber es ist eine leider nicht wegzudiskutierende Tatsache, daß die im öffentlichen Dienst und von den öffentlichen Betrieben gezahlten Löhne und Gehälter hinter der Einkommensentwicklung zurückgeblieben sind.

Die Stundenlöhne der Industriearbeiter sind in den letzten zwölf. Monaten um mehr als 6 v. H. erhöht worden. Seit der letzten Neuregelung der Beamtenbesoldung am 1. April 1957 ist das Einkommen des „Stichmannes“ für die Festsetzung der Beamtengehälter, des ungelernten Industriearbeiters, um mehr als 12 v. H. gestiegen. Es wird hier also wohl oder übel nachgezogen werden müssen, auch wenn heute wohl noch niemand zu sagen weiß, woher das Geld dafür genommen Werden soll.

Die auf uns zukommenden Lohn- und Gehaltserhöhungen für alles in allem 3,5 Millionen Beschäftigte, die politisch gerechtfertigt, volkswirtschaftlich aber bedenklich sind, rührt ein andermal an die schon oft erörterte, aber noch immer nicht gelöste Frage, wie der jährliche Produktivitätszuwachs der Wirtschaft auf alle Schichten der Bevölkerung einigermaßen „gerecht“ verteilt werden kann. Die bisherige Praxis ist so, daß die sehr aktiven Industriegewerkschaften aus der Stärke ihrer Position, die ihnen die Vollbeschäftigung gibt, diesen Produktivitätszuwachs für sich abschöpfen. Dadurch wird eine auch nur teilweise Weitergabe des technischen Fortschritts an die Allgemeinheit über Preissenkungen unmöglich gemacht. Um nicht den Anschluß an den Arbeitsmarkt zu verlieren und auch ihre Arbeitnehmer an der größeren Ergiebigkeit der Wirtschaft teilnehmen zu lassen, sind die Wirtschaftszweige mit unterdurchschnittlicher technischer Fortschrittsrate gezwungen, die Löhne und Gehälter in gleichen Prozentsätzen heraufzusetzen, auch wenn die damit verbundenen Kosten in den Etats und den Betriebsabrechnungen nicht unterzubringen sind.

Die daraus resultierenden Preiserhöhungen, die nicht kompensiert werden durch entsprechende Preissenkungen und darum das allgemeine Preisniveau von Lohnrunde zu Lohnrunde heraufdrücken, sind der Inhalt jener Erscheinung, die in der Fachsprache die Kosteninflation genannt wird.

Es mangelt nicht an Vorschlägen, wie dieser Entwicklung Einhalt geboten werden kann. An die Gewerkschaften zum Beispiel wird der Appell gerichtet, sie sollten „maßhalten“ und ihre Lohnpolitik an der durchschnittlichen Volkswirtschaftlichen Produktivitätsrate ausrichten. Das ist leichter gesagt als getan. Es wird schwer sein, eine Zahl ausfindig zu machen, die von beiden Sozialpartnern akzeptiert wird. Davon abgesehen wird man sich klar darüber sein müssen, daß allem gewerkschaftlichen Lohndirigismus zum Trotz auf dem Arbeitsmarkt auch noch die Gesetze von Angebot und Nachfrage im Spiele sind.