hst., Köln

Am Donnerstag, dem 22. Oktober 1959, kamen gegen 16 Uhr drei Algerier in die Bierschenke des Hotels Neunzig, die in der Kölner Johannisstraße – direkt hinter dem Hauptbahnhof – liegt. Kurz danach betraten abermals drei Algerier das Lokal und setzten sich zu ihren Landsleuten. Sie bestellten fünf Tassen Kaffee und eine Limonade und sprachen – soweit die Kellnerin es verstehen konnte – über Politik. Punkt 19 Uhr standen sie auf und verabschiedeten sich nach arabischem Brauch: sie küßten sich die Wangen. Vor dem Hotel trennten sich die beiden Gruppen.

Um 19.05 Uhr knallten sieben Schüsse über den dunklen, unbeleuchteten Parkplatz, der unmittelbar neben dem Hotel Neunzig liegt. Kurz danach stürzte einer der algerischen Gäste in die Hotelhalle und rief: „Deux camerades tot! Sofort Polizei! Hilfe!“ Dann brach er in einem Sessel zusammen, Der Angestellte Vonderhöh sah derweil – durch die Schüsse aufgeschreckt – vom Fenster seines Hauses in der Kostgasse zwei Männer Richtung Rheinuferbahn laufen. Mit drei Notrufen wurde die Polizei alarmiert.

Die Beamten des Funkstreifenwagens fanden am Tatort den 28jährigen Salah Aramah mit einem Kopf- und einem Brustschuß. Er war tot. Weiter fanden sie vier Geschoßhülsen und ein Geschoß. Auf einem mehr zum Rheinufer gelegenen Parkplatz lag der 33jährige Mohand Ouradam Outaleb mit einem Bauchschuß. In der Hotelhalle entdeckten sie dann nach einiger Zeit den völlig verstörten, unverletzten Amehr Agoldjil. Jemand hatte den Polizisten, nachdem die Ermittlungen schon einige Zeit liefen, gesagt: „Da drinnen sitzt noch einer.“ Von ihm erfuhr man auch nicht viel mehr. Er und seine beiden Kameraden seien über den Parkplatz gegangen; es habe einige Male geknallt; die zwei Schützen seien wieder verschwunden.

Um 20.30 Uhr mieteten sich zwei Männer in der Kölner Altstadt ein Taxi und ließen sich an die Zollstelle Bildchen an der Aachener Stadtgrenze fahren. Dort tauchten sie um 22.15 Uhr auf. Die Beamten, denen die beiden „irgendwie verdächtig“ vorkamen, prüften sehr genau die Papiere: Danach handelte es sich um einen 26 Jahre alten Algerier ohne festen Wohnsitz und einen 27jährigen Nordafrikaner aus Valenciennes. Die Zöllner fanden aber keinen Grund, um die beiden festzuhalten. Die Algerier passierten in aller Ruhe die Grenze. Um 22.30 Uhr traf an der Zollstelle Bildchen das Fahndungsersuchen der Kölner Kriminalpolizei ein: Alle Algerier festhalten. Aber es kamen keine Algerier mehr...

In der darauffolgenden Nacht wurden alle in Köln ansässigen Algerier – 83 sind es – festgenommen und zur Vernehmung in das Polizeipräsidium gebracht. Es wurde mit ziemlicher Sicherheit festgestellt, daß sie alle mit der Schießerei nichts zu tun hatten. Also mußte man sie wieder gehen lassen.

Eines ist aber inzwischen erwiesen: Die „Rote Hand“, die französische Terrororganisation, hatte diesmal ihre Finger nicht im Spiel. Aber: Die drei erschossenen Algerier haben bis vor kurzer Zeit der MNA angehört, jener in Frankreich existierenden algerischen Gruppe unter Messali Hadsch, die bei den FLN-Leuten als „kompromißbereit“ verschrien ist. Inzwischen waren aber die drei Algerier zur FLN übergeschwenkt. Die MNA-Leute nennen so etwas „Verrat“ – wie auch im umgekehrten Fall die FLN-Leute von Verrat gesprochen hätten.