Vor dreißig Jahren begann in der Wall Street die Große Depression – Ein dramatisches Kapitel der Wirtschaftsgeschichte

In diesem Artikel wird geschildert, was vor dreißig Jahren im Monat Oktober geschehen ist. Ich habe vor Jahren an anderer Stelle, (in meinem Buch „The Great Crash, 1929“), als sich der gegenwärtige Börsenaufschwung noch im Anfangsstadium befand, erklärt, daß die Schilderung vergangener Ereignisse nicht mit der Voraussage ihrer Wiederholung identisch ist. Andererseits möchte ich auch, nicht behaupten, daß wir bereits gegen den Wahnsinn immun geworden sind, der die Leute befällt, wenn sie von der Hoffnung, auf großen Reichtum beseelt sind. Es besteht also eine beträchtliche Möglichkeit, daß wir früher oder später die Bekanntschaft mit einem krisenhaften Kollaps erneuern können. Jedenfalls führe ich persönlich eine kleine Liste jener Leute, die eine Wiederholung von „1929“ für ausgeschlossen, erklären.

Die Hausse, die dem Krach voranging, entfaltete sich während der zwanziger Jahre. Der Aktienindex der New York Times, in dem 25 repräsentative Kurse von Industriewerken berücksichtigt wurden, stand Anfang 1924 auf; 110. Anfang 1925 hatte der Index einen Stand von 135 erreicht; am 2. Januar 1928 war er auf 338 geklettert. Mit Ausnahme von einigen seltenen und milden Rückschlägen verlief der Anstieg ohne Störung. Die Monate, in denen der Index sich gegenüber dem Vormonat nicht verbesserte, sind rasch gezählt. Ebenso regelmäßig wuchs das Volumen der Aktienkäufe auf Kredit.

Im März 1929 kam Präsident Hoover als Nachfolger von Calvin Coolidge ins Weiße Haus. Die in politischer Hinsicht etwas engstirnige öffentliche Meinung jener Tage empfand diesen Wechsel als einen ausgeprägten Linksruck. Hoover pflegte zu sagen, Coolidge verstehe nichts und kümmere sich sogar überhaupt nicht um den spekulativen Boom auf dem Aktienmarkt. Wenige Tage vor der Amtsübergabe äußerte Coolidge die tröstliche Ansicht, die Verhältnisse seien „absolut gesund“, und Aktien seien zum geltenden Kurs ein wohlfeiles Angebot. Davon abgesehen waren die wirtschaftspolitischen Waffen, deren sich Coolidge – wäre er anderer Meinung gewesen – hätte bedienen können, sehr unwirksam. Als Hoover das Amt übernahm, war er, wie er in seinen Memoiren schreibt, von der Idee besessen, das Spekulationsfieber müsse beseitigt werden. Das war damals aber nicht bekannt. Jedenfalls reagierte die Börse sowohl auf Hoovers Wahlsieg als auch auf die Amtsübernahme geradezu überschwenglich. Dennoch wußte Hoover sehr wohl Bescheid.

Damit war allerdings das Problem, was zu tun sei und auf wessen Kosten es zu geschehen habe, noch nicht gelöst. Wie gesagt wurden die Aktienkäufe je länger je mehr mit Krediten finanziert, d. h. es fand sich immer jemand, der die Summe, die der Aktienkäufer nicht in bar entrichten konnte, als Darlehen zur Verfügung stellte. Die Aufgabe des Federal Reserve Board (der Währungsbehörde) bestand darin, dieses Kreditvolumen unter seine Kontrolle zu bringen. Die Zinssätze für solche Kredite waren hoch; sie betrugen beispielsweise im Januar 1929 rund 7 v. H. Privatpersonen und Firmen benutzten daher diese Anlagemöglichkeit als Ventil für überschüssige Barreserven. Der Federal Reserve Board konnte damals auf direktem Wege diese Liquiditätsquelle des Marktes nicht abschnüren.

Noch peinlicher war die Frage, ob nicht schon der Versuch, eine solche Kontrolle einzuführen, das ganze Kursgebäude zerschmettern würde. Es ist zwar leicht, eine Seifenblase aufzublasen, aber sehr schwer, mit einer Nadel so in die Seifenblase zu stechen, daß sie nicht zerplatzt, sondern nur etwas Luft ausströmen läßt. Ein Börsenkollaps und die anschließende Depression würden – das wußte man schon damals – dem in die Schuhe geschoben, der die Seifenblase platzen ließ, und nicht dem, der sie, aufgeblasen hatte. Das war zwar nicht fair, aber ein Faktum.

Man überlegte sich natürlich – auch, daß der Kurszusammenbruch um so drastischer ausfallen würde, je länger man der Spekulation auf Kredit ihren Lauf ließ. Im Frühjahr 1929 begannen daher die Währungsbehörden die relativen Vorteile eines waschen und schmerzlosen Todes gegen diejenigen einer zeitlich hinausgeschobenen, aber dafür um so dramatischeren Sterbeszene abzuwägen. Die Ansichten darüber gingen im Federal Reserve Board auseinander. Als die Nachricht über diese Debatte durchsickerte, bereitete sie Wall Street einigen Kummer. Das Marktgeschehen selber bot zudem nicht Anlaß zu ungetrübtem Optimismus.