Er ist ein Hansdampf, in vielen Gassen und in vielen Sätteln gerecht; er prescht gerne nach vorn und hat auch schon manchen Dämpfer bekommen. Der Vorstoß, den er unlängst unternahm, verspricht freilich Erfolg: Dr. Karl Mommer, parlamentarischer Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion, hat vorgeschlagen, der Bundestag solle die polnische Gruppe der Interparlamentarischen Union nach Bonn einladen.

Mommer gehört zu den entschiedensten Verfechtern guter Beziehungen und diplomatischer Kontakte mit Polen. Sie galten ihm schon früher als der „wichtigste Schritt zur Entspannung“ in Mitteleuropa. Sein Besuch in Warschau Anfang September hat ihn in dieser Auffassung bestärkt. Der Außenpolitische Ausschuß des Bundestages stellte zwar die Frage der diplomatischen Beziehungen vorläufig zurück, aber in einem Punkte unterstützte er Mommer: Er billigte einmütig die Ein- – ladung der polnischen Parlamentarier.

Der Beifall seiner Fraktion für diesen Vorschlag ist Mommer gewiß. Weniger Beifall in den Reihen der eigenen Partei fand jedoch seine Kritik an der weichen Haltung mancher Sozialdemokraten gegenüber dem Kommunismus, die er in diesem Sommer mannigfach und mit beträchtlichem Mut vorgebracht hat. Am 28. Mai hatte Mommer den Jungsozialisten in Bonn eine Standpauke gehalten und sie davor gewarnt, sich nicht „zu trojanischen Eseln Moskaus machen zu lassen“. In demselben Referat hatte Mommer auch noch neun sozialdemokratische Redakteure scharf getadelt, die bei einem Besuch in Moskau Chruschtschow als „Genossen“ angeredet und dann dazu geschwiegen. hatten, daß der Genosse“ aus Moskau den Genossen Willy Brandt aus Berlin als einen „kriegerischen Mann“ bezeichnete. „Dieses Benehmen von Sozialdemokraten ist ein Skandal“, sagte Mommer.

Die neun Redakteure wiederum fanden Mommers Benehmen skandalös und wollten ein Parteigerichtsverfahren gegen ihn einleiten. Nach einer erregten Fraktionsdebatte konnte dann der Streit in einer „freundschaftlichen Aussprache“ beigelegt werden.

Vier Wochen später gab es schon wieder Ärger mit Mommer. In einem Gespräch mit ausländischen Journalisten in Berlin beanstandete er, daß sich in den Jahren nach 1952, als die Sowjets wenigstens nach dem Wortlaut ihrer Noten noch freie Wählen in ganz Deutschland anboten, „manche Mitglieder“ der SPD hätten verlocken lassen, an Anflüge einer Gemeinsamkeit mit den Kommunisten zu glauben.

Während Mommer noch, von einer Gesichtsentzündung gequält, auf dem Rückweg von Berlin nach Bonn war, schoß der Stellvertretende Parteivorsitzende Herbert Wehner zurück: „Diese Aussage findet keinerlei Stütze oder Beweise in der Politik, die die SPD seit diesen Tagen getrieben hat.“

Die allerhöchsten Parteigremien befaßten sich mit dem „Konflikt Wehner–Mommer“. Vor Parteivorstand und Parteirat rügte Ollenhauer Karl Mommer, weil er „parteiinterne Probleme ohne Rücksprache mit den Körperschaften der Partei an die Öffentlichkeit gebracht“ .habe. Wehner dagegen erhielt ein Lob, weil seine voreilige Erklärung „als Klarstellung zu Recht erfolgt“ sei. Kommentar von Mommer: „Dazu habe ich jetzt nichts zu sagen.“