Wie die Vorstellung geartet war, die Werner Krauss vom Tode hatte, ist rätselhaft. Indessen mag die Anordnung, daß bei seiner Trauerfeier auf erleuchteter Bühne Schweigen zu herrschen habe, einen Hinweis geben auf sein vielschichtiges Wesen, in dem es eine Schicht gab, wo merkwürdige Dumpfheit, unergründliche Starre, hintergründige Konvention herrschte. Es hat im Kreise von Theaterfreunden jedenfalls schon einmal Aufsehen erregt, wie absonderlich sich Krauss verhielt, als er vor vielen Jahren Vorkehrungen für seinen Tod traf: damals, als er noch nicht gedachte, in Wien zu Asche verbrannt zu werden, sondern in der guten Berliner Erde zu ruhen.

Dem pensionierten General v. Z., der im gepflegten Westen von Berlin wohnte, meldete eines Sonntagvormittags um elf die aufgeregte Haushälterin, Werner Krauss habe geklingelt und stünde bereits in der Diele. Gesagt habe er kein Wort.

Krauss trug einen Bratenrock, einen steifen Hut, eine schwarze Krawatte, wurde ins „Herrenzimmer“ gebeten und in einem Ledersessel plaziert. Es begann eine höfliche Konversation über Theaterstücke, über Filme, über das Wetter. Dazu genossen die Herren ein Glas Portwein. Und nach einer halben Stunde erhob sich Werner Krauss und griff beim Aufstehen nach dem Hut, den er auf den Fußboden gelegt hatte.

Nun endlich sagte General v. Z. mit einer leichten Verbeugung: „Herr Krauss, ich gehöre zu den Bewunderern Ihrer Kunst. Deshalb verzeihen Sie bitte mir altem Manne die Neugierde, wenn ich frage, aus welchen Gründen Sie mir durch die Ehre Ihres Besuches geschmeichelt haben.“

Und Krauss erwiderte mit leichter Verbeugung: „Ich habe gestern auf dem Waldfriedhof eine Grabstelle erworben und bei dieser Gelegenheit erfahren, daß ich die Ehre haben werde, Sie, Herr General, zum Nachbarn zu bekommen.“ Und er verbeugte sich ein zweites Mal und sagte, indem er auf den Sessel und das geleerte Weinglas deutete, mit heiserer Stimme: „Ein Antrittsbesuch.“

General v. Z. erzählte später, ihm sei ein kalter Schauder ins Rückgrat gefahren. Und erst, als er die Tür ins Schloß schlagen hörte, habe er die Kraft gefunden, sich noch ein Glas Portwein einzuschenken, um es mit tapferem Lachen auf eine gute Nachbarschaft zu leeren. M-M