Der NDR lädt an jedem Mittwoch einen anderen Sender „zu Gast“ in sein drittes Programm. Das klingt so nobel, wie es praktisch ist... Von Radio Bremen wurde diese Gelegenheit ergriffen, auf der Welle für Anspruchsvolle beim großen Bruder an der Elbe einmal zu zeigen, was an der Weser eine Harke ist. Eine „experimentelle“ Werkfolge führte „neue Strukturen“ in Musik, Roman und Bühnendichtung vor. Da gab es als Uraufführung von Hans Otte eine „strukturelle Komposition für drei Klaviere im Raum“ zu hören: Musik, die nicht mehr der Quellkraft eines Themas vertraut, sondern unmeßbare Klangbewegungen „organisiert“. Sie können so, aber auch anders ausgeführt werden und erschöpfen ihren Gehalt im Titel dieses Stücks: „Dromenon“ (vielfältige Laufbahn).

Am aufschlußreichsten waren innerhalb dieser Sendung vier Stückchen aus den 16 Etüden, die von dem Franzosen Jean Tardieu unter dem nicht treffenden Titel „Kammertheater“ augenblicklich auch auf deutschen Studiobühnen exerziert werden. Tardieu leitet das Studio des Pariser Rundfunks, und von dort her, wo sehr vielseitig experimentiert wird – von den funkischen Klangmöglichkeiten des Wortes –, sind auch die Dramoletts, mit denen Tardieu nach der Bühne strebt, am ehesten zu begreifen. Zudem muß man bedenken, daß die französische Sprache und Bühnentradition reine Klangwerte des Wortes kennt, wie sie im Deutschen kaum nachzubilden sind. Da heißt zum Beispiel eine Szene „Die Sonate und die drei Herren oder wie man Musik spricht“. Sätze, die keinen oder wenig Sinn haben, werden nach musikalischen Tempobezeichnungen von verschiedenen Stimmen abgewandelt und vermitteln einen begrenzten Stimmungswert. Gleichzeitig strebt Tardieu nach ironischer Absurdität, wenn die Herren einander immer wieder sagen: „Wir haben verstanden, wie es ist, wenn man gerade dabei ist, zu verstehen, was zu verstehen ist.“ – „Es gibt etwas zu verstehen“. – „Aber haben Sie in Wirklichkeit etwas verstanden?“ – Immerhin: „es geschah etwas – in einer großen Weite am Abend, am Abend, Abend, Abend ...“

Am verständlichsten, weil von der Neuromantik und von den literarischen Preziosen Giraudoux’ überglänzt, wirkte „Die Weihe der Nacht“: ein lyrisch schwebendes Gespräch zwischen zwei Liebenden. Auch eine sozialkritische Szene „Der Schalter“ erwies sich eindrucksstärker im Funk als auf der Bühne, wo die Dimension der schauspielerischen Körperlichkeit durch Tardieus Wort- und Gedanken-,, Strukturen“ nicht bewältigt werden kann. Bei der „Realisation“ der Wortteile in dieser Sendung bewies der Regisseur Oswald Döpke feinschattierendes Gehör für die Stimmqualitäten seiner hervorragenden Sprecher. J.J.