„Seinerzeit ausverkauft“ – das klingt ein wenig nach Skepsis, etwa so, als müßte man heute den Kopf schütteln darüber, daß es so war. Was aber auch bisher in dieser Sendereihe des Bayerischen Rundfunks zu hören war, gab eher Anlaß zu gehörigem Respekt vor dem, was früher die Theaterdichter – nein, was auch die inzwischen so mißachteten Routiniers und gewerbsmäßigen Stückeschreiber doch einfach gekonnt haben; wie sie das so zurechtzimmerten, daß bei aller gewagten Kombinationsfreiheit jeder Nagel saß; wie sie es immer hinkriegten, daß man es ihnen abnehmen mußte! Wo gibt es heute noch diese Handwerkssicherheit? Und was haben wir seither dafür eingetauscht? ...

Ein Meister dieser Branche, der sogar oft genug die Region des Dichterischen erreichte, aber dennoch schon lange zu den „in weitesten Kreisen Unbekannten“ gehört, war Victorien Sardou, der erfolgreichste französische Bühnenautor des letzten fin de siècle. Eines seiner beliebtesten Stücke war „Madame sans Gêne“ (1893), das in unseren Tagen noch einmal als Schlager auflebte mit Käthe Dorsch in der Titelrolle und Kurt Goetz als Napoleon. Jetzt also wurde es vom Münchener Sender wiederaufgenommen, und zwar in einer exzellenten Einstudierung (Funkbearbeitung: Hartmann Goertz; Regie: Heinz Günter Stamm).

Freilich: unter der hier aufgebotenen Besetzungsgärnitur dürfte man so etwas heute kaum riskieren, denn hier kommt alles nur auf das brillante Theater an – seriöse Ansprüche an die Wahrscheinlichkeitsillusion bleiben gänzlich unberücksichtigt. Sie wäre nichts als ein billiger Sofaroman, diese Anekdote von der kleinen Wäscherin, die wegen ihres ehrlichen Mundwerkes berüchtigt-berühmt ist, durch den Aufstieg ihres Sergeanten Lefèvre zum napoleonischen General „Herzogin von Danzig“ wird und auch in dieser Rolle mit ihrer burschikosen Ungehobeltheit den kaiserlichen Hof, der ohnehin gefährlich exponierten Parvenüs heillos kompromittiert, mit ihrem guten Herzen und geradem Sinn aber dennoch Siegerin über alle Intrigen bleibt und obendrein zur Retterin des kostbaren gräflich Neipperg’schen Abenteurerlebens emporwächst – diese allzu leicht geschürzte Fabel wäre ein Nichts ohne die zentrale große Szene zwischen der Herzogin und dem Kaiser, dem ehemaligen armen Offizier, der seiner Wäscherin eine beträchtliche Rechnung schuldig geblieben ist. In dieser Szene, die scharf an der Grenze zwischen biederer Komik und blutigem Ernst entlangzubalancieren hat, boten Inge Meysel und Ernst Ginsberg ein wahres Kabinettstück geschliffener Dialogführung, in deren artistischem Glanz jede Unglaubwürdigkeit hinschmolz. Das lebendige Spiel, zu dem man sich nur einen geistreicheren Verbindungstext gewünscht hätte, ließ das optische Bühnenerlebnis nicht vermissen. Walter Abendroth