kaufaufträgen zurück. Um elf Uhr war das, was einmal ein Aktienmarkt gewesen war, nur noch ein wilder Kampfplatz, auf dem die Verkaufswut tobte. Die herrschende Unsicherheit trieb immer mehr Leute zum Verkauf. Für andere, die nicht mehr genug Geld hatten, um ihren Kreditverpflichtungen nachzukommen, verkauften die Banken. Um halb zwölf war die Panik vollständig und allgemein.

Auf der Straße draußen vor der Börse lärmte eine verstörte Menschenmenge. Ein Handwerker erschien, um auf dem Dach eines benachbarten Gebäudes einige Reparaturarbeiten auszuführen. Die Zuschauer, die den Arbeiter für einen Selbstmordkandidaten hielten, warteten ungeduldig darauf, daß er vom Dach springe. Um halb eins wurde die Besuchergalerie der Börse geschlossen, da die Szenerie im Ring drunten allzu bewegte Züge angenommen hatte.

Einer der Besucher, die bei dieser Gelegenheit vom Platze verwiesen wurden, bewies an diesem Tag sein Talent dafür, die richtigen Schauplätze jeweils im geschichtlichen Augenblick aufzusuchen. Es handelte sich um den früheren britischen Schatzkanzler Winston Churchill. Er war es gewesen, der 1925 in England wieder den Goldstandard eingeführt und gleichzeitig für eine starke Überbewertung des Pfund Sterling gesorgt hatte. Um den Druck auf das Pfund abzuschwächen, hatte der Federal Reserve Board in der Folge die amerikanischen Zinssätze herabgesetzt und damit nach der herrschenden Oberzeugung erst das Spekulationsfieber an den US-Börsen ausgelöst. Wie dem auch gewesen sein mag: an jenem Oktobertag hat ihn jedenfalls niemand darauf aufmerksam gemacht, was für ein Durcheinander er mit seiner Währungspolitik angerichtet hatte.

Um die Mittagszeit setzte endlich die langerwartete organisierte Kursstützung ein. Die Leiter der National City und der Chase Bank, des Guaranty Trust und Bankers Trust wurden vom Seniorpartner Morgans zu einer Zusammenkunft im Morgan-Hauptquartier an der Wall Street einberufen. Sie waren sich rasch darüber einig, daß große Mittel zur Kursstützung eingesetzt werden sollten. In einer anschließenden Pressekonferenz bemerkte Lamont, die Börse dürfte nunmehr wieder für feste Tendenzen empfänglich sein.

Mut der Verzweiflung

Die Nachricht von der Zusammenkunft der Bankiers hatte inzwischen auch an der Börse die Runde gemacht. Die Spekulanten interpretierten das Treffen der mächtigsten Finanzleute der Nation einmütig dahingehend, daß die Rettung nicht mehr fern sei. Die Aktienkurse stabilisierten sich zunächst und begannen dann prompt zu steigen. Um halb zwei flanierte dann der Vizepräsident der Börse und Broker von Morgan betont lässig an den Stand der Stahlwerke und gab eine Bestellung über 10 000 Aktien auf. Sein Angebot lag mehrere Punkte über den geltenden Kursen.

Damit verhalf er dem Vertrauen in wunderbarer Art und Weise wieder auf die Beine, und der Markt begann sogar wieder mit Boom-Tendenzen zu liebäugeln. Zwar drückten im Laufe des Abends die immer noch einlaufenden Verkaufsaufträge wieder auf die Kurse, aber die Tagesverluste waren per Saldo geringer als am Vortage. Einige Titel, darunter Stahlwerke, hatten sogar Kursgewinne zu verzeichnen. Den Zehntausenden von Spekulanten, die entweder selber verkauft hatten oder deren Aktien während des Sturzes verkauft worden waren, bot diese Erholung allerdings nur wenig Trost. Ihre Hoffnung auf Reichtum war endgültig verflogen; in zahlreichen Fällen war sogar ihre wirtschaftliche Existenz zerstört.