Die Commerzbank-Hauptversammlung bot für jeden etwas. Wer wissen wollte, wie es um die Ertragsaussichten der Commerzbank-Aktien steht, erhielt von dem Sprecher des Vorstandes, Dr. Hanns Deuß, den Garantieschein auf eine „mindestens“ 14prozentige Dividende, Außerdem wurde ihm belassen, auf eine 15prozentige zu hoffen Mit einigem Recht – wie den Ausführungen zur Ertragslage zu entnehmen war. Aber da seit der Währungsreform die Großbanken im Dividendengleichschritt marschieren, kann man heute noch nicht sagen, was mal im Frühjahr tun wird. Wer zur Commerzbank-HV gekommen war, um Klamauk zu erleben, kam durch die Darbietungen des „Reisenden in Opposition“, nämlich des Kleinaktionärs Nold, voll auf seine Kosten. Eine straffere Verhandlungsführung würde allerdings den wenig erfreulichen Schlußteil der langen, aber nicht langweiligen Aktionärsdebatte abgekürzt haben. Schon aus Rücksicht auf die übrigen Teilnehmer an der Hauptversammlung hätte die Verhandlungsleitung den Darmstädter Aktionär Nold zwingen sollen, „zur Siehe“ zu sprechen. Das wäre für alle Beteiligten, auch für Nold selbst, ersprießlicher gewesen. Denn was Nold „zur Sache“ zu sagen hat, ist längst nicht mehr – wie zu Beginn seiner Opponenten-Tätigkeit – alles wirr und kraus. Nach wie vor werden aber die auch bei ihm wachsenden guten Gedanken durch die wenig geschickte Art seines Vortrages verdeckt.

Der Widerspruch einer Reihe von Aktionären entstand durch den Vorschlag der Verwaltung, die jungen Aktien nicht wie früher zu 100 bis 115 v. H. auszugeben, sondern 200 v. H. von den Aktionären zu fordern. Jede Abänderung liebgewordener Gebräuche muß Opposition hervorrufen. Deshalb hatte Dr. Deuß auch gleich als Einleitung versucht, die Gründe, die für die Verwaltung bei der Festsetzung des Ausgabekurses maßgebend waren, ausführlich darzulegen. Zwei Ziele hat sich danach die Commerzbank gesetzt. Sie will einmal einen Anteil der eigenen Mittel an der Bilanzsumme von möglichst 5 v. H. (heute etwa 4,3 v. H.) erreichen und zum anderen ein „ausgewogenes Verhältnis“ zwischen Nominalkapital und Rücklagen herstellen, wobei sie als „ausgewogen“ offene herstellen, in Höhe des Grundkapitals ansieht. Nun kann man natürlich einwenden, daß diese Ziele sicherlich erstrebenswert sind, aber nicht von heute auf morgen. „Verdient euch eure Rücklagen!“ rief ein alter Aktionär der Verwaltung zu, der absolut nichts davon wissen, wollte, daß er mit dem doppelten Nominal-Kurs helfen sollte, die offenen Reserven auf die gewünschte Höhe zu bringen.

Der Vorstand konterte mit zwei Argumenten: 1. Die Bildung offener versteuerter Rücklagen ist alles andere als billig. In 1958 wurden die Reserven um 17 Mill. DM aufgestockt, dazu waren 41,5 Mill. DM erforderlich. Und in diesem Jahr sollen die Reserven um den gleichen Betrag erhöht werden. Kostenpunkt abermals 41 Mill. DM. Reserven sind also weder für die Gesellschaft noch für den Aktionär ein billiges Vergnügen. 2. Eine Bank, die in das internationale Geschäft drängt, muß sich auch hinsichtlich ihres Eigenkapital mit internationalen Maßstäben messen lassen können. Die großen amerikanischen und englischen Institute weisen teilweise erheblich höhere Rücklagen aus als Grundkapital. Ob allerdings ein einfacher Vergleich der sichtbaren Eigenkapitalien der Banken zu den richtigen Schlüssen führt, muß angezweifelt werden, bis auch die Bilanzierungsmethoden überall einheitlich sind. Nach den amerikanischen Vorschriften ist die Bildung stiller Reserven schwieriger als bei uns. Es könnte deshalb sein, daß die deutschen Großbanken bei einem internationalen Vergleich besser abschneiden würden, wenn man überall die offenen und stillen Reserven in Verhältnis zu den Grundkapitalien setzen könnte, was aber unmöglich ist, weil stille Reserven eben für den Außenstehenden unsichtbar sein sollen.

Die Verwaltung kam bei der Verteidigung des Ausgabekurs immer wieder auf die Optik zurück, der eine Bank nun einmal Rechnung zu tragen hat. Sie muß – wie gesagt – auf möglichst hohe Rücklagen Wert legen; sie darf auch, so hieß es jedenfalls, keine Experimente mit dem Dividendensatz machen, weil er zu den Faktoren gehört, die das Ansehen und die Werbekraft einer Bank bestimmen.

Also neben der Eigenkapital-Optik auch Dividenden-Optik! Rein theoretisch hätte die Commerzbank, die für 60 Mill. DM neues Kapital von ihren Aktionären braucht, auch eine Kapitalerhöhung 5:2 zu 100 v. H. machen können. Aber dann wäre wahrscheinlich der Plan, wieder 17 Mill. Rücklagen zu bilden und gleichzeitig „mindestens“ 14 v. H. Dividende zu zahlen, nicht mehr durchführbar. Da die Verwaltung aber an der Rücklagenstärkung unbedingt festhält, hätte die Dividende gekürzt werden müssen. Die Aktionäre würden dann rein rechnerisch zwar die gleiche Ausschüttung auf ihr Kapital (trotz gesenkter Dividende) bekommen, aber wahrscheinlich würde die Mehrzahl nicht dieses Ergebnis, sondern nur die gesenkte Dividende sehen. Im Ausland wird dies auf alle Fälle so sein, da niemand danach fragt, wie die ermäßigte Dividende zustande gekommen ist, sondern nur den niedrigeren Satz konstatiert. Die deutschen Banken werden Satz nesfalls Vorreiter für „leichte“ Aktien (hohe Grundkapitalien, niedrigere Dividenden) sein können. Ebensowenig können die Bankaktionäre darauf rechnen, daß eine Aufstockung des Grundkapitals zu Lasten der Rücklagen durch Ausgabe von Berichtigungsaktien erfolgen wird, jedenfalls nicht bevor ein Gleichgewicht zwischen Grundkapital und offenen Reserven erreicht und sichergestellt ist, daß auch auf das auf diese Weise erhöhte Kapital die bisherigen hohen Dividenden gezahlt werden können.

Um diese Gesichtspunkte. hätte sich die Aktionärsdebatte in der Hauptsache drehen müssen. Wenn es zeitweise nicht so war, dann lag es an jenen Aktionären, die den Grund für den Bezugskurs von 200 v. H. in der Vergangenheit der Commerzbank glaubten suchen zu müssen. Ohne. Zweifel hatte die Commerzbank nach Kriegsende wegen ihrer vergleichsweise höheren Ostverluste einen schwereren Start als die anderen Institute. Die Art ihres Zusammenschlusses – sie erwarb zunächst die Majorität ihrer kleineren Schwestern in Frankfurt und Hamburg auf nicht ganz billige Weise – hatte diesen Start auch nicht unbedingt erleichtert. Niemand kann jedoch sagen, daß die Commerzbank in den letzten Jahren geschlafen hat; im Gegenteil, sie konnte ihren Anteil am Bankgeschäft in der Bundesrepublik erhöhen. Daß die Aktionäre, bis auf einige Ausnahmen, mit der Verwaltung auch zufrieden sind, zeigt das Abstimmungsergebnis. 98,2 v. H. des vertretenen Kapitals sprachen sich für die von der Verwaltung vorgeschlagenen Konditionen aus. K. W.