A. M., Paris, im Oktober

Auf das „Attentat Mitterand“ ist ein Skandal Mitterand“ gefolgt. Es ist möglich, daß der Mann, den wir vor einer Woche als „smarten jüngeren Politiker“ geschildert haben, allzu smart gewesen ist.

Der frühere poujadistische Abgeordnete Pesquet behauptet, er habe jenes Attentat im Einvernehmen mit Mitterand selbst inszeniert; er sei darauf eingegangen, um auf diese Weise die vielen Gerüchte von Mordkommandos und Komplotten als Provokation der angeblich Bedrohten zu entlarven. Mitterand bestreitet das energisch; es handle sich, so sagt er, um ein Lügengespinst, das ihn als mißliebigen Politiker ausschalten solle. So steht Behauptung gegen Behauptung.

Gewiß ist Pesquet als höchst bizarrer Mann bekannt, dem eine Mystifikation durchaus zuzutrauen wäre. Aber er hat einen schwerwiegenden Beweis vorgelegt: In einem vor dem Attentat abgesandten Einschreibebrief, den er dann von einem Notariatsangestellten abholen ließ, hat er den Verlauf des Attentats genau beschrieben: Er werde in einem geliehenen Wagen dem Auto Mitterands folgen. Mitterand werde den Wagen verlassen und in Deckung gehen; man werde ein leeres Auto mit Kugeln einer Maschinenpistole durchbohren. Es war sogar die Strecke beschrieben, die Mitterand zurücklegen werde und der Ort genannt, wo das „Attentat“ stattfinden sollte.

Mitterands Antwort lautete: Man brauche ja nur einen Postangestellten zum Komplicen zu haben, der einen solchen Brief mit einem rückdatierten Datumstempel versehen könnte... Wahr ist jedoch, daß vorerst die Öffentlichkeit geneigt zu sein scheint, nun jenes Attentat, das so viel Aufsehen erregte, für gestellt zu halten.

Sollte die gerichtliche Untersuchung diesen Verdacht bestätigen, so könnte das sehr weittragende politische Folgen haben. Zunächst einmal wäre Mitterands Laufbahn erheblich gefährdet, wobei sich schlimmer noch als die moralische Seite der Affäre für ihn auf dem Pariser Pflaster die Tatsache auswirken könnte, daß er sich von einem noch größeren Schlaumeier hätte hereinlegen lassen. Aber nicht nur für Mitterand, sondern auch für die ganze nichtkommunistische Linke, die sich bisher so ausgiebig der Vorteile der moralischen Anklägerposition bediente, wäre die Geschichte äußerst peinlich: Diejenigen, auf die man die Dolchstoßlegende münzte, daß sie „Verschleuderer des Empire“ seien, wären also selbst bei der Fabrikation einer ebensolchen Legende in flagranti ertappt worden. Und darüber hinaus würden einige tausend Franzosen mehr sagen: „So also ist die Politik!“

Es war der linksoppositionelle „Express“ selbst, der diese Woche, wenn auch in anderem Zusammenhang, festgestellt hat: „Die eigentliche Gefahr ist der Ekel, den man in einem Teil der Nation vor den politischen Methoden weckt – ein Ekel, der zu unserem Erstaunen größer ist als der von den ‚bradeurs‘ (Verschleuderern) geweckte Haß. Und dieser Ekel kann in der Zukunft zu unvorhergesehenen Dingen führen.“