V. Ein Unschuldiger, den Weimar einsperrte, Hitler festhielt und den die Amerikaner verurteilten

Ein Schicksal unserer Tage, aufgezeichnet von Ernst von Salomon

Der Reichswehrleutnant A. D., der in seinem Leben viele Gefängnisse kennenlernen sollte, obwohl er doch – moralisch gesehen unschuldig war, hatte den Auftrag, bei der „Reichsexekution“ gegen Sachsen, die General von Seeckt leitete, als „Abwehroffizier“ zu erkunden, wer und wo die führenden Kommunisten seien. Der Zufall hatte es gewollt, daß zuvor seine erst? – und erwiderte – Liebe auf ein Mädchen gefallen war, dessen Vater kommunistischer Reichstagsabgeordneter war. Ihn warnte er vor der Gefahr, verhaftet zu werden: spontan, ohne nachzudenken, aus Liebe zu Charlotte. Inzwischen gingen die Haussuchungen weiter. Ein älterer Kamerad, ein Oberleutnant, hatte den Leutnant A. D. gebeten, ihn mitzunehmen. Warum hätte er diese Bitte abschlagen sollen?

A. D. sollte in einem kleinen Industrieort einen Lehrer verhaften, einen sehr gebildeten Mann, wie der Bürgermeister sagte, sehr beliebt in der Schule und bei den Eltern seiner Schüler, aber eben Kommunist. Die beiden Offiziere warfen einen Blick auf die stattliche Bibliothek. Dort waren tatsächlich auch Bücher von Karl Marx und sogar von Lenin ... Die beiden Offiziere gingen die Bücher einzeln durch und legten – befehlsgemäß – die verdächtigen Schriften auf einenHaufen, der ständig wuchs.

Und da geschah es, daß A. D. einen Band völlig unpolitischen Inhalts nach kurzem Durchblättern ins Regal zurückstellen wollte. Dabei löste sich aus dem Buch ein nicht eingebundenes hektographiertes Blatt und segelte quer durch den Raum zu Boden. A. D. fing das Blatt auf und wollte es in das Buch zurückstecken, als sein Blick auf einen Namen fiel. Es war der Name von A. D., sein eigener Name ...

Der Leutnant blickte schärfer hin und las. Es handelte sich um ein Mitteilungsblatt des M-Apparats der KPD, des „Militärapparates“, den sich die rührige Partei geheim aufgebaut hatte. Und in diesem Blatt stand eben jene Warnung, die A. D. seinem „Schwiegervater in spe“ erteilt hatte. Um die Dringlichkeit der Warnung deutlich zu machen, teilte der M-Apparat mit, die Information stamme von einer glaubhaften Stelle, nämlich dem Reichswehroffizier A. D.

Neununddreißig Jahre später sagte A. D., der Schock dieses Augenblicks habe sein Leben verwandelt. Der Blitz traf unter Milliarden Menschen einen. A. D. hatte jetzt ein Schicksal: ein Mann, dem durch nichts vorbestimmt war, eines zu haben.