Von Johannes Jacobi

Eine Woche lang waren in Bochum „die Puppen am Tanzen“. Bochum ist die Hauptstadt der deutschen Puppenspieler. Ihr „Bund“ und ein Deutsches Institut für Puppenspiel sind dort zu Hause. Zur 3. Deutschen Puppentheaterwoche erschienen auch die Laienspieler. Für deren Wettbewerb hatte die Stadt einen Geldpreis gestiftet. Anders als im „Menschentheater“ ist Puppenspiel als Liebhabertheater möglich. Die in ihren Mitteln abstrakteste, in der Thematik avantgardistische Darbietung, die in Bochum gezeigt wurde, war die Vorstellung des ersten Preisträgers aus dem Laienwettbewerb: „Akustisch-motorische Skizzen und Sketche“ der Bühne „Die Klappe“ aus Schwanenwede bei Bremen.

Von den „Meistern des Puppenspiels“, die internationalen Ruhm genießen, konnten sich neben Lehrgängen, Arbeitsgemeinschaften und Vorträgen nur einige in repräsentativen Veranstaltungen produzieren. Dabei zeigte es sich, daß den größten Zulauf nicht immer die besten Bühnen genießen. Allen Besuchern der Salzburger Festspiele ist das Marionettentheater Hermann Aichers seit Jahrzehnten als ein Kuriosum der Festspielstadt bekannt. Bei Professor Aicher kann man die großen Mozart-Aufführungen en miniature rekapitulieren. Die Darsteller der „Zauberflöte“ oder der „Entführung aus dem Serail“ sind dann prächtig kostümierte Gliederpuppen. Die Dekorationen auf der Miniaturbühne ahmen großes Theater im kleinen nach. Die Gesangsstimmen werden (als Aufnahme) von den Originalsängern im Festspielhaus entliehen. Auch das Orchester und der Chor.

Aber die Publikumsbegeisterung, die das Salzburger Marionettentheater sogar in Bochum auslöste, kann nicht darüber hinwegtäuschen: Dieser Weg ist ein Abweg. Das Ziel des Puppentheaters darf nicht die Nachbildung des Menschentheaters sein. Trotz Aichers technischer Brillanz: Eine Marionette kann nicht laufen. Sie tut nur so. Sie schwebt. Wenn man Figuren im Puppentheater dreist von oben auftreten oder nach der Seite entschweben läßt, sind zauberische Wirkungen möglich. Der Zauber Mozarts und die Irrealität der Oper bleiben aber an die Menschengestalt gebunden.

Treffliches sah man – neben manchem Kitsch – von den britischen Hogarth Puppets. Sie gastierten zum erstenmal in Deutschland. Begeistern konnten jene Szenen, in denen Jan Bussels sich mit einer Gitarre in der Hand, neben sein Theaterchen setzte, seinen Hauptakteur, den Esel Muffin, ansprach und den Puppen etwas vorsang, worauf diese dann nur zu reagieren brauchten. Hier durften die Puppen selber sprachlos und damit in ihrem Element bleiben. Es gibt einen deutschen „Meister des Puppenspiels“, den Stuttgarter Bildhauer Albrecht Roser‚ der seinen bildkünstlerisch hochwertigen Marionetten sogar jede Abdeckung des Bewegungsmechanismus und den illusionären Bühnenrahmen samt Dekors wegnimmt. Roser stellt sich mit seiner Assistentin Ina v. Vacano offen vor die Zuschauer und ermöglicht dem nur durch sich selbst faszinierenden Spiel der Marionetten eine festliche Funktion in jedem Kreis.

Handpuppe, Stabpuppe, Stockpuppe, Gliederpuppe (Marionette) – so teilen die Puppenspieler ihre Lieblinge nach der technischen Bewegungsart ein. Wesentlich für sie alle ist die Maske. Jede Puppe wird als Erscheinung auf einen einzigen Ausdruck zentriert. Dadurch gehört sie ins Reich der bildenden Kunst. Auffallendes Merkmal: Die meisten sind von ihren Herstellern nach einer Seite, meist nach der komischen hin, outriert, übertrieben, überschärft. Von diesem (im Sinne Lessings) „fruchtbarsten Augenblick“ der bildenden Kunst her entfalten sie in der Bewegung durch den Spieler ihr im Bildausdruck bereits gesammeltes Wesen. Aber die Puppe spielt keinen König oder Teufel. Sie ist als Maske die vollkommene Verkörperung der Rolle. Wo der Menschenschauspieler endet – bei der Gestalt, die er aus seiner eigenen Natur herausstellt –, beginnt das Reich des Puppenspiels. Deshalb kann es als Erziehungsmittel die ersten Kunst- und Theatererlebnisse anregen.