Kennen Sie Quasimodo?“ – so fragte ich immer wieder, auf der Suche nach einem Gefährten in der Unkenntnis.

„Sie meinen den Sonntag? Oder den Glöckner von Notre Dame?“

Nein, Salvatore Quasimodo, achtundfünfzigjährig, gebürtiger Sizilianer, Dozent für Literaturgeschichte an der Mailänder Musikakademie, Verfasser von fünf schmalen Gedichtbänden und diesjähriger Träger des Nobelpreises für Literatur, ist in Deutschland so gut wie unbekannt.

1950 ist ein von K. H. Bolay übertragener, längst vergriffener Lyrikband Quasimodos („Tag um Tag“) im Celler Verlag „Die Neue Bauhütte“ erschienen; einige seiner Gedichte, von Otto von Taube übersetzt, standen im Merkur, andere in einer in der Sammlung Dieterich herausgegebenen Anthologie italienischer Lyrik. Außerdem ging in der letzten Woche ein ziemlich läppisches Gedicht durch die Presse, das Quasimodo 1957 zum Start von Sputnik in der kommunistischen Zeitung L’Unità veröffentlicht hatte. Es sollte uns trotzdem nur freuen, wenn der Rat der Weisen der Schwedischen Akademie einen großen Dichter, entdeckt hätte.

Auch in Italien aber zeigt man sich von der Entscheidung überrascht. Das Organ des Vatikans, der Osservatore Romano, nannte Quasimodo einen „Dichter“ in Anführungszeichen und bezichtigte ihn, heute prokommunistisch zu dichten, wie er unter Mussolini profaschistisch gedichtet habe. Die wenigen ins Deutsche übersetzten Gedichte allerdings geben keinen Grund zu derartigen Vorwürfen. Allein, nur die linkssozialistischen Zeitungen Italiens stimmen der Wahl uneingeschränkt zu; die anderen wüßten würdigere Italiener für die höchste literarische Auszeichnung vorzuschlagen: Moravia, Ungaretti und Montale zum Beispiel, Namen, die auch im Ausland längst nicht mehr unbekannt sind.

Kandidaten für den diesjährigen Preis waren der Jugoslawe Ivo Andric, dessen Roman „Die Brücke über die Drina“ kürzlich in Deutschland erschien, Graham Greene, schon seit Jahren Anwärter, wie auch Ezra Pound, und andere, ungenannte. Der unerforschliche Ratschluß der achtzehn Stockholmer Alten aber fiel auf Quasimodo und erkannte ihm die Plakette und die 180 000 DM zu: „für seine lyrische Poesie, die mit klassischem Feuer die tragische Lebenserfahrung unserer Zeit ausdrückt“.

Vielleicht ist Quasimodo wirklich ein großer Lyriker (es wird sich zeigen). Außerdem kann die Akademie den Preis natürlich vergeben, an wen sie will – und wie ihre Entscheidung auch ausfiele, einhellige Zustimmung würde sie nie finden.