Promenade an der Sowjetriviera – Saison in Sotschi – Eigener Badestrand für Privilegierte

Von Hans Gresmann

Über die breite Kurpromenade von Jalta schlendern unter Palmen und altmodischen Kandelabern Urlauber auch noch zu einer Jahreszeit, in der die deutschen Seebäder längst von den Herbstwinden leergefegt sind. Im Staatsbad Jalta, dem schönsten Küstenflecken auf der Krim, geht die Badesaison bis tief in den Herbst hinein. Den kalten Nordstürmen stellen sich hohe Bergzüge entgegen. So kann das Erholungssoll, das hier in den 112 Sanatorien sehr ernst genommen wird, mit leichter Mühe erfüllt werden.

Schlendert man auf der Uferstraße in der Menge der promenierenden Sowjetbürger dahin, so fällt zunächst der Anblick vieler Waagen auf, die samt dem Bedienungspersonal am Wegrand stehen. Sie sind stets von Urlaubern umringt, die präzisen Aufschluß über ihr Körpergewicht wünschen. Wollen – oder sollen – sie zunehmen? Sollen sie abnehmen?

Kitsch, der uns verbindet

Des Russischen nicht mächtig, muß ich mich auf meinen Augenschein verlassen. Und dieser sagt mir, daß die Gestalten, die hingebettet auf dem steinigen Strand lagen, getrost ein wenig an Speck und Fett einbüßen könnten.

Der Strom der Passanten aber zog mich nicht nur den Strand entlang, er drängte mich auch auf die andere Seite der Promenade, wo die Geschäfte auf die Urlauber warteten, denen – wie wohl überall in der Welt – das Geld lockerer in der Tasche sitzt als zu Hause. Und da fand ich, daß auf diesem ost-west-gespaltenen Globus es eines gibt, das uns verbindet: den Badeort-Kitsch. Freilich besteht dabei ein kleiner Unterschied, der nicht nach ästhetischen, sondern moralischen Werten meßbar ist: Wenn Peter in Westerland ein Souvenir in seinen Koffer packt, so ist’s vielleicht eine rosenfarbene Tänzerin (ohne); Pjotr aber kauft in Jalta eine gipsweiße Sportlerin (mit). Doch Kitsch ist Kitsch, beruhigend in seiner Gleichartigkeit, vergänglich und zerbrechlich (wie ich an der Sportlerin merkte, die ich für einen Freund einpackte, der sich zur Ergänzung seiner Sammlung so sehnlich ein Exemplar Sowjet-Kitsch gewünscht hatte).