Wie es bei der Eröffnung einer neuen Straße Brauch ist, zerschnitt der New Yorker Oberbürgermeister Robert F. Wagner am 21. Oktober ein Band und gab damit den Weg frei in ein Museum, das sich im wesentlichen als nichts anderes als eben eine – Straße darbietet. Das „Salomon-R.-Guggenheim-Museum“ an der Fifth Avenue, einer der berühmtesten, belebtesten und teuersten Geschäftsstraßen der Welt, eingekeilt zwischen vielstöckigen Gebäuden, ist fertig.

Der großartige Bau ohne Vorbild, der schon Aufsehen erregt hatte, als der erste Entwurf veröffentlicht worden war, ist das letzte vollendete Werk des vor einigen Monaten gestorbenen Frank Lloyd Wright, des großen amerikanischen Architekten. Auch hierbei hatte sich Wright auf eigenwillige Weise an den Lehrsatz seines Fachgenossen Coleridge gehalten, „die Form ergibt sich aus dem Zweck“. Er nannte den Bau die „erste Gelegenheit, bei welcher Malerei und Architektur des 20. Jahrhunderts in ihrer wesenhaften Beziehung zueinander erlebt werden“ könnten. Goldene Worte, die indessen vom Urheber auf eigene Weise architektonisch interpretiert worden sind. Das Museum ist ein Triumph der Architektur, und es will scheinen, als dienten die darin ausgestellten Kunstwerke lediglich als Staffage. Die Besucher haben es nicht leicht.

In dem blumentopfähnlichen zylindrischen, mit einer Glaskuppel überwölbten Gebäude windet sich spiralenförmig bis zur Decke hin eine Art Straße, eine „Rampe“, auf der, lediglich in Nischen gegliedert, eine Auswahl der ungefähr 2500 Gemälde und Skulpturen Guggenheims placiert sind. Der durch nichts unterbrochene Weg des Besuchers – es gibt weder Wände noch Türen – endet erst nach fast fünfhundert Metern am Fahrstuhlschacht. In dem aus nur einem Raum bestehenden Museum herrscht unerbittlich Öffentlichkeit; die Intimität, deren sich „konventionelle“ Museen rühmen dürfen, fehlt. Beleuchtet wird der Raum nur durch die Glaskuppel, weil der Besucher nach Wrights Willen die Gemälde in dem Lichte sehen sollte, das die Stunde des Tages verheißt. Aber man hat sich endlich doch über den Architekten hinweggesetzt und Lampen installiert. Freilich, geht man ins Museum, um das Museum zu erleben oder Kunst, der doch wohl auch das New Yorker Haus zu dienen vorgibt? Ein Gemälde wird gemalt, damit es ein Zimmer schmücke; der es erwirbt, wünscht Zwiesprache, und sie gedeiht nur in einem Raum, dem wenigstens ein Hauch von Stille eignet. Bei Wright findet man sie nicht. Es gibt keinen Platz, der zum Verweilen einlüde, und die „Straße der Kunst“ scheint zu verlangen: „Weitergehen, bitte!“

Der Stifter, Salomon R. Guggenheim, hatte vor dem ersten Weltkrieg zu sammeln begonnen. Gegen Ende der zwanziger Jahre ward sein Interesse für die Kunst geweckt, und im Laufe der Jahre erwarb er den wesentlichsten Teil seiner jetzigen Sammlung, die er 1937 einer Stiftung vermachte. 1943 war der Auftrag, dafür ein Haus zu errichten, an Wright ergangen. Guggenheim und sein Architekt freilich erlebten die Vollendung nicht mehr; der Industrielle, der den Ruf eines großen Wohltäters genießt, ist 1949, Wright im April dieses Jahres gestorben. m. s.

Aufnahmen: AP (3), dpa, Popper