Am 1. Juni erreichte der Industrieaktienindex der New York Times die Höhe von 342; am 1. Juli betrug er 394; am 1. August 418, und nach dem Labor Day (am 3. September) wurde ein Stand von 452 gemessen. Somit stieg der Indes in 90 Tagen um 110 Punkte oder 25 v. H. Am 3. September 1929 umfaßte der Börsenteil der New York Times 15 ganze Seiten. Die auf Kredit getätigten Käufe waren auf die stolze Höhe von 6,354 Milliarden Dollar gestiegen und hatten während eines Vierteljahres jeden Monit um 400 Mill. Dollar zugenommen. Das Ende nahte.

Am 5. September kam es zu einem neuen Kurseinbruch: Industrie werte fielen im Durchschnitt um zehn Punkte. Die Nervosität jener dritten Gruppe von Spekulanten, die gewillt war, sowohl bis zum letzten Augenblick auszuharren as auch rechtzeitig abzuspringen, trat in ein akutes Stadium. Jetzt war es eine Äußerung des Börserspezialisten Roger Babson (der am 4. September sagte: „Früher oder später wird der Krach kommen, und könnte schrecklich werden“), an welche diese Leute reagierten. Der Kurseinbruch erhielt denn auch prompt den Namen „Babson-Sturz“. Bei aller Ehre, die Mr. Babson zukomm:, sei der geschichtlichen Wahrheit halber festgestellt, daß er ähnliche Feststellungen seit vielen Jahrenin regelmäßigen Abständen zum besten gegeben hatte.

Während der Monate September und bis in den Oktober hinein war der Markt wild bewegt; es gab zwar Tage mit fester Tendenz, aber im allgemeinen wies die Tendenz nach unten. An 8. Oktober ließ sich Charles E. Mitchell, der Präsident der National City Bank, aus Deutschland wie folgt vernehmen: „Nichts kann die Aufwärtsbewegung in den Vereinigten Staaten aufhalten.“ Eine Woche später, bereits auf dem Schiff und unterwegs nach Hause, kam er zur Einsicht, der Markt sei jetzt in einer „gesunden Verfassung“ und die Aktienkurse seien sicher verankert in der „allgemeinen Prosperität unseres Landes“. In derselben Woche erklärte der berühmte Nationalökonom Prof. Irving Fisher (für dessen glanzvolle Karriere diese Wochen einen traurigen Epilog darstellen), daß die Aktienkurse „eine neue Hochebene“ erreicht hätten.

Aber die Tendenz wies weiterhin nach unten. Sowohl der 19. Oktober – ein Samstag – als auch der folgende Montag, der 21., waren ausgesprochen schwache Tage. Am Montag wurden 6 091 870 Aktien verkauft, d. h. das drittgrößte Volumen in der Geschichte der Börse. Hunderttausende von Menschen, die im ganzen Lande die Kursentwicklung verfolgten, stellten sorgenvoll fest, daß man nicht einmal mehr Klarheit über das wirkliche Geschehen erhalten konnte. Schon früher war es an Tagen gewaltiger Haussebewegungen vorgekommen, daß der Börsenticker gegenüber den Kaufaufträgen in Rückstand geriet. Damals hatte man jeweils erst einige Zeit nach Börsenschluß feststellen können, wieviel reicher man an dem betreffenden Tag geworden war;

Aber bei der nun herrschenden Baissetendenz verhielt es sich umgekehrt. Jetzt konnte es vorkommen, daß man für immer und vollständig ruiniert war und es bloß noch nicht wußte. Und selbst wenn man noch nicht bankrottwar, hatte jedermann Angst, es demnächst zu werden. Um die Mittagszeit des 21. Oktober war der Ticker eine Stunde im Rückstand. Nach Börsenschluß dauerte es noch eine Stunde und 40 Minuten, bis die letzte Transaktion bekannt wurde. Gegen Montag abend hatten sich die Kurse zwar etwas erholt, und am Dienstag wurde sogar, ein kränklicher leichter Kursanstieg verzeichnet.

Inzwischen hatten verschiedene Leute beruhtgende Lageberichte abgegeben. Am Montag hatte Professor Fisher in New York erklärt, daß die Kurse mit dem inneren Wert der Aktien nicht Schritt gehalten hätten. Unter anderem habe der Markt die segensreichen Wirkungen der Prohibition (des amerikanischen Alkoholverbots) noch nicht berücksichtigt, die darin bestünden, daß der amerikanische Arbeiter „produktiver und verläßlicher“ geworden sei. Charles E. Mitchell kritisierte den „übertriebenen Kursrückgang“. Nur der unentwegte Mr. Babson empfahl, Aktien zu verkaufen und den Erlös in Gold anzulegen.

Der erste Tag der Panik von 1929 war ein Donnerstag; der 24. Oktober. 12 894 650 Aktien wechselten ihren Besitzer, die meisten davon zu Preisen, welche allen Träumen ihrer bisherigen Eigentümer ein jähes Ende bereiteten. Unter allen Geheimnissen der Börse ist ein Problem das geheimnisvollste: die Frage, aus welchem Grund jedermann, der Aktien verkaufen will, einen Käufer findet. Dieser 24. Oktober erbrachte nun den Beweis dafür, daß das Geheimnisvolle nicht unbedingt auch eintreten muß. In zahlreichen Fällen fanden sich nämlich gar keine Käufer; nur ein rasanter Kurssturz konnte jeweils überhaupt zögernde Angebote anregen.

Der Donnerstag morgen war schrecklich. Nach Börsenbeginn blieben zwar die Kurse während kurzer Zeit stabil. Die Umsätze waren jedoch so groß, daß die Preise bald zu sinken begannen. Wieder einmal kam der Ticker in Rückstand. Die Kurse fielen nun schneller und tiefer, und der Ticker blieb je länger je weiter hinter den Ver-