Erzählung von Milo Dor

Für Hans Werner Richter

Ehe ich an diesem Dienstagmorgen mein Zimmer verlassen hatte, war alles wie immer. Daß es ein Dienstag war, kann ich mich noch genau erinnern. Auf dem Kalender, der neben dem Badezimmerspiegel hing, stand noch Montag. Ich war gerade dabei, mich zu rasieren, und ich hatte das Blatt noch nicht abgerissen; denn das tat ich jeden Tag erst, nachdem ich mein Gesicht mit Rasierwasser befeuchtet hatte.

Während ich mich rasierte, betrachtete ich mich im Spiegel. Ich war mir weder besonders sympathisch noch besonders unsympathisch. Es war ein ganz gewöhnlicher Tag. Das Fenster stand weit offen. Draußen mildes Herbstlicht, und von der Straßenecke her hörte ich die etwas müde und holprige Musik eines Leierkastens:

Übers Jahr, wenn die Kornblumen blühn, komm ich wieder, komm ich wieder ...

Wenn ich gewußt hätte, was mich alles draußen erwartete, wäre ich wahrscheinlich zu Hause geblieben. Ich wußte es aber nicht. Es war ein ganz gewöhnlicher Tag, und alles war wie immer.

Ich rasierte mich, also, riß das Blatt, auf dem noch Montag stand, von meinem Wandkalender ab und ging in die Redaktion.