Von Barbara Bondy

2. September. – Schon liegt morgens Nebel über der Wiese, die Obstbäume stehen bis zum Knie in weißem Dampf. Die Luft ist kühl, gläsern, die Berge ferngerückt. Distanz. Die Welt nimmt wieder Distanz. – Warum schrieb Benn: „Einsamer nie als im August?“ – Eliot: „April is the cruellest month?“ – und Rilke (im Herbst): „Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben?“

Jeder hat seinen gfürchteten Monat. Wiener Lyriker in den zwanziger Jahren zogen sich, sobald draußen die Sonne aufstieg, in die Kaffeehäuser zurück, schlossen die Läden, sahen sich in alterslosen Spiegeln, atmeten Kaffee lieber als Teilchen.

Heute? Der Herbst ist angemessener. Uns angemessen. Der Sommer ist zu Ende. Er hat gefordert ohne Ende, alles aus uns herausgebrannt, was an Träumen in uns war, Glücksansprüche ohne Ende flammten in der Sonne, Eroberungen, die wir machen wollten, brannten uns im Mund, in den Handflächen, an den Fußsohlen. Doch nie wurde weniger erobert als in Sommern. Weite wollten wir, Welt, so gar nicht mehr bereit zum Verzicht.

Der Herbst endet das alles. Endet das Jahr, beginnt das neue: Jahr der Seele, unser Jahr. Grau hat er im Gefolge, Stürme, kreisende Nebel, Wolkenfetzen, frühes Dunkel, tiefes Dunkel, Regenfahnen, trübe Zeichen, starke gute Winde. Er begrenzt den Schritt, das Herz. Das ist unsere Jahreszeit. Die Jahreszeit der Moderne. Die Zeit des „trotzdem“. Die nie beendete Zeit.

Wenn ich den Kaffee fertig habe, ist der Nebel fort. Wie ein buntes, starkes Gitter stehen die Dahlien, die letzten Gladiolen, rot, gelb, violett, vor den Bergen. Aufgepflanzt. Bereit. Der Himmel drückt nicht mehr, er ist hoch, eine Kuppel. Reineclauden fallen ins Gras. Kann man zum Frühstück Reineclauden essen? Ungewaschen, grüngolden-bestäubt, schmecken sie süßer als Honig.

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