In der letzten Woche ist, von findigen Journalisten entdeckt, die sowjetzonale Spalterflagge mit Hammer und Zirkel im Ährenkranz zum ersten Male im Hamburger Hafen aufgetaucht. Ein Elbkahn mit der neuen Flagge hatte im Binnenhafen festgemacht. Die Hafenbehörden meldeten dies zwar nach Bonn, im übrigen aber kümmerten sie sich nicht weiter darum. So gelassen man im Hafen die Sache betrachtete, so erregt war die Diskussion unter den Hamburger Politikern. Auf dem Landesparteitag der CDU forderte am Wochenende der Landesvorsitzende Blumenfeld, „daß alle Schiffe, die auf der Elbe oder im Hafen die Spalterflagge zeigen, so lange nicht abgefertigt werden sollen, bis die Flagge niedergeholt ist“. „Wozu brauchen wir gesetzliche Verordnungen, um die Provokationen der SED-Gesellen zurückzuweisen. Unsere eigene freie Haltung sollte überzeugend genug sein.“

Im Hafen sieht man’s anders. Hafendirektor Plate macht einen Unterschied, ob die Flagge auf einem Westberliner S-Bahnhof oder auf sowjetzonalen Schiffen gezeigt wird. „Im Nord-Ostsee-Kanal zum Beispiel, der einen eindeutig internationalen Status hat, fahren die Schiffe mit der Zonenflagge. Dagegen ist nichts zu machen.“ Aber auch im Hamburger Hafen gibt es rechtlich keine Möglichkeit, die Kapitäne der Zonenschiffe zu zwingen, ihre Flaggen einzuholen. Die Schiffe müssen auch, selbst wenn sie die neue Flagge zeigen, entladen werden. Falls die Gewerkschaften sich weigern, die Schiffe zu löschen, könnten sie theoretisch sogar auf Bruch des Tarifvertrages verklagt werden. „Ein schwarzer Streik‘ allerdings, das wäre ‚force majeur’.“

Sollten künftig tatsächlich – Hafendirektor Plate hält es freilich für ausgeschlossen – Schiffe aus der Zone mit der neuen Flagge nicht mehr abgefertigt werden, so hätte Ostberlin immer noch die Möglichkeit, den Warenverkehr auf die Eisenbahn umzuleiten. Sehr groß ist die Zahl der Schiffe, die den Hafen anlaufen, ohnehin nicht. Im Jahr 1958 löschten 727 Schiffe – fast ausschließlich Binnenschiffe mit zusammen rund 440 000 Tragfähigkeitstonnen – in Hamburg ihre Ladung. Seeschiffe aus der Zone laufen den Hafen fast überhaupt nicht an.

Der Hafendirektor argumentiert: Die Zone hat mit dieser Flagge die Spaltung weitergetrieben. Aber warum sollen wir diese Spaltungsbestrebungen noch dadurch unterstützen, daß wir aus den Schiffsflaggen eine Staatsaktion machen? Plates Rezept: „Am besten, nicht hingucken, das ärgert sie am meisten.“

Auch bei der SPD und bei den Gewerkschaften besteht wenig Neigung, dem Aufruf Blumenfelds zu folgen. Der Bezirksleiter der ÖTV, Nicolaisen, meinte: „Zuerst muß einmal, überlegt werden, was dadurch für ein Schaden angerichtet werden kann.“ Bereitschaft zu einer spontanen Aktion scheint jedenfalls nicht vorhanden zu sein. R. Z.