pk, Hannover

Bundespräsident Dr.Lübke und Bundesverteidigungsminister Strauß haben Protesttelegramme aus Hannover erhalten. Die Absender wollen eine Ruine vor dem Abbruch retten: das mächtige Gemäuer der ehemaligen Garnisonkirche am Goetheplatz. Schwarz ragen eiserne Sparren, die einst das Dach trugen, in den melancholischen Herbsthimmel. Die grauen Mauern und die beiden Türme stehen, aber aus den Fugen wuchert Unkraut, und die Eingänge sind, zum Schutz gegen Neugierige, notdürftig vermauert.

Das Gebäude ist gegen Ende des 19. Jahrhunderts im romanischen Stil errichtet worden. Es hat glanzvolle Tage erlebt, ehe es 1943 im Bombenhagel ausbrannte. Am Anfang unseres Jahrhunderts marschierten sonntags die Soldaten aus den Kasernen am Waterloo am Königsworther und am Welfenplatz kompanieweise zum Gottesdienst, und der Prediger, der Militäroberpfarrer und Geheime Konsistorialrat Zierach, soll ein gar gewaltiger Streiter gewesen sein. Man sagt, er habe sich im ersten Weltkrieg weniger an die Epistel des Sonntags gehalten als an die Berichte der Obersten Heeresleitung, aus denen er praktischreligiöse Nutzanwendungen zog. An manchen Festtagen ließ er auch statt des Organisten das Musikkorps der Königs-Ulanen spielen. Nach dem Weltkrieg sah man sonntags in einer Nische vorn im Kirchenschiff häufig den Generalfeldmarschall von Hindenburg sitzen.

Seit 1943 aber ist die Kirche eine Ruine. Die Stadt Hannover, in der nur 17 von 50 Gotteshäusern beider Konfessionen den zweiten Krieg unversehrt überstanden, bezog das Bauwerk nicht in die Wiederaufbauplanung mit ein. Denn es gehörte dem Fiskus, genauer (seit Bestehen der Bundesrepublik) der Bundesvermögensverwaltung. Die zivile Gemeinde, die sich um den Pfarrer Zierach geschart hatte, war in alle Winde verstreut. Die Evangelisch-Lutherische Landeskirche Hannover entschloß sich für den Wiederaufbau der nur einige hundert Meter entfernten und architektonisch wertvolleren Neustädter Kirche.

Der Garnisonkirche fehlten außer der zivilen Gemeinde auch die uniformierten Kirchgänger: die Kasernen am Waterloo-, am Königsworther und am Welfenplatz waren nicht mehr vorhanden oder „zweckentfremdet“. Die neu einberufenen Soldaten aber wurden weit draußen am Rande der Stadt untergebracht. Ein kommandierter Kirchgang paßte nicht zu den „Bürgern in Uniform“. Er wäre überdies einer Marschübung gleichgekommen.

Was blieb, war eine im Wiederaufbau der Stadt immer unansehnlicher werdende Ruine, eine Kirche ohne Gemeinde, ein Bauwerk, dessen Eigentümer selbst an der Erhaltung oder gar am Wiederaufbau nicht interessiert sind.

Daß manche alten Gemeindemitglieder der Garnisonkirche mit Wehmut und manchmal wohl auch mit Erbitterung den Verfall ihrer alten Kirche verfolgen, ist verständlich. Begreiflich ist auch ihr Protest gegen den endgültigen Abbruch. Aber auch die Telegramme an Lübke und Strauß werden wohl die Spitzhacke nicht aufhalten können.