Frankfurt, Ende Oktober

Der Zentralbankrat sah sich in der letzten Woche einer schwierigen Situation gegenüber. Er mußte die kreditpolitische Linie neu festlegen. Dabei kam es darauf an, einen Weg zwischen Scylla und Charybdis zu finden. Eirmal verlangte die zu einem Boom ausgewachsene innere Konjunktur ein Anziehen der Kreditbremse, andererseits ließ die außenwirtschaftliche Situation, die jetzt erst wieder auf der Weltbanktagung beleuchtet wurde, keine Maßnahme zu, die zur Umkehr der Zahlungsströme in Richtung auf die Bundesrepublik hin führen könnte.

Was die Konjunkturlage anbetrifft, so sind die Auftragseingänge der Industrie weiterhin größer als die Umsätze. Die Produktion stößt an die Kapazitätsgrenzen vor. Es drohen Preiserhöhungen. Die Wirtschaft stellt sich hierauf bereits mit Vorratseinkäufen ein und nimmt dafür Kredite auf. Die Gewerkschaften haben ihrerseits Lohnforderungen angekündigt. Die Gefahr, daß die Lohn-Preis-Spirale in Bewegung gerät, ist gegeben. Das öffentliche Finanzwesen steht, nachdem die zweite Hälfte der Legislaturperiode begonnen hat, bereits im Schatten des Wahlkampfes von 1961. Die Signale sind daher vom Zentralbankrat auf Restriktion gestellt worden.

Er hat seine großen Instrumente aus der Rüstkammer herausgeholt. Die Rediskont-Kontingente wurden von ihm bereits vor einiger Zeit im Schnitt um etwa 20 bis 25 v. H. gekürzt. Der Diskontsatz wurde jetzt kräftig, d.h. um 1 v. H. erhöht; die Mindestreserve mäßig um 10 v. H. heraufgesetzt und die Offenmarktpolitik zur Anpassung der Abgabesätze an die Bankrate aktiviert. Ein Land mit niedrigsten Zinssätzen ist die Bundesrepublik jetzt nicht mehr. Mit einem Diskont von 4 v. H. liegt sie auf der gleichen Ebene wie New York, London und Paris. In den Benelux-Ländern und in Italien ist der Diskont niedriger. Diese EWG-Länder sind heute „extremere“ Gläubiger als die Bundesrepublik.

über die internationalen Zahlungen entscheidet aber weniger der offizielle Diskontsatz als die Zinssätze, die am Geld- und Kapitalmarkt zu zahlen sind. Bisher hat die Bundesrepublik Geld ausgeführt, und zwar vornehmlich nach New York. Dort brachten Treasury Bills in der letzten Zeit etwa einen Ertrag von 3 7/8 v. H.; vergleichbare Schatzwechsel der Bundesrepublik 2 5/8 v. H. Auch bei einem Deport von etwas über ein Prozent – der bei Termingeschäften dazukommt – bestand noch ein gewisser Anreiz für die Geschäftsbanken, Geld in den USA statt bei der Bundesbank unterzubringen. Heute liegen die Abgabesätze für entsprechende deutsche Schatzwechsel bei 3 1/8 v. H. Wünscht die Bundesbank weiterhin, daß die Geschäftsbanken Gelder im Ausland anlegen, dann muß sie entweder Termindeckungsgeschäfte ohne Berechnung eines Deports (möglicherweise sogar einen Report) in Kauf nehmen oder die Abgabesätze wieder etwas zurücknehmen, was besonders dann notwendig sein wird, wenn sich das Ausland an deutschen Geldmarktpapieren interessiert zeigen sollte. Eine Zurücknahme empfiehlt sich auch aus sonstigen, vor allem aus kapitalmarktpolitischen Erwägungen. Der Abgabesatz für U-Schätze mit einer Laufzeit von zwei Jahren beträgt nämlich 4 1/2 v. H., was einer Effektiv-Verzinsung von 4,95 v. H. gleichkommt. Dabei handelt es sich bei diesen Werten um Geldmarktpapiere hoher Liquidität. Es ist klar, daß Kassenobligationen und langfristige Rentenwerte wesentlich höher verzinst werden müssen.

Das hohe Zinsniveau am Geld- und Kapitalmarkt kann leicht dazu führen, daß es die deutsche Zahlungsbilanz wieder stärker aktiviert und also das Gegenteil von dem eintritt, was außenwirtschaftlich als erstrebenswert angesehen wird. Jedenfalls dürfte eine weitere Anhebung der Zinsen, auch dann, wenn dies aus konjunkturpolitischen Gründen für notwendig erscheint, nicht mehr in Frage kommen. Eher scheint schon eine gewisse Rückwärtsentwicklung möglich.

Die Instrumente Diskont und Offenmarktpolitik der Bundesbank sind also etwas stumpf geworden. Die Bundesbank kann aber trotzdem sehr wohl das Kreditpotential der Geschäftsbanken vermindern, indem sie diese mehr und mehr auf ihre eigene Liquidität verweist. Praktisch bedeutet dies eine weitere Beschneidung der Rediskont-Kontingente. Vor allem aber kann sie den Geschäftsbanken in einem gewissen Umfange über die Erhöhung der Mindestreserven Liquidität entziehen. Erst durch die Mindestreservenerhöhung um 10 v. H. wurden dem Kreislauf etwa 700 Mill. DM entzogen.