Mit starker Politik in eine Position der Schwäche

Von Richard Löwenthal

Washington, im Oktober

Wenn es stimmt, daß sich die Voraussetzungen und Ziele der amerikanischen Außenpolitik seit Anfang dieses Jahres von Grund auf gewandelt haben, dann muß man sich doch fragen: Wie ist es zu diesem Wandel gekommen? Warum ist der Glaube an die Unausweichlichkeit einer langandauernden Auseinandersetzung mit dem Kommunismus, die mit allen Mitteln – außer mit Krieg – geführt werden müsse, warum ist dieser Glaube abgelöst worden durch den Wunsch nach einem vernünftigen und dauerhaften Arrangement mit der Sowjetmacht? Und warum ist dieser Wandel nicht zu einer Zeit eingetreten, da die Sowjetdiplomaten sich am zugänglichsten zeigten – etwa 1954 oder 1955 also –, sondern erst jetzt, da die süßen Klänge der Koexistenz-Propaganda durch die harten Fanfarenstöße der sowjetischen Berlin-Drohung unterbrochen wurden?

Feste Front des Westens

Um diese Frage beantworten zu können, ist es notwendig, einen Blick zurückzuwerfen auf die Art und Weise, in der die Westmächte und vor allem die Vereinigten Staaten während der letzten zehn Jahre den Kalten Krieg geführt haben. Sobald der Westen sich der stalinschen Europa-Offensive in ihrer ganzen Bedeutung bewußt geworden war, reagierte er mit Gegenmaßnahmen, die zum Teil politisch konstruktiver, zum Teil militärischdefensiver Natur waren, und durch die es überaus erfolgreich gelang, die Front zu festigen. Diese Maßnahmen waren: Der Marshall-Plan, die Truman-Doktrin für Griechenland und die Türkei, die westdeutsche Währungsreform, die Berliner Luftbrücke und schließlich die Schaffung der NATO.

Seit etwa 1949 oder 1950, also seit dem endgültigen Sieg der Kommunisten in China und der roten Aggression in Korea (die weithin fälschlich als ein Vorspiel zu einer allgemeinen Militäroffensive des Sowjetblocks angesehen wurde) sind mehr und mehr amerikanische Politiker dazu übergegangen, den Kalten Krieg in erster Linie als einen militärischen Wettstreit zu betrachten, für dessen Ausgang allein die tatsächliche und potentielle militärische Stärke der beiden Opponenten maßgeblich ist.