Dd, Wiesbaden

Der 1959er brodelt schon in den Fässern, und zugleich mit ihm sind die Gemüter der Winzer und Weinhändler in Wallung geraten: Wird es ein „Jahrhundertwein“ oder gar ein „Jahrtausendwein“? Wird dieser Jahrgang den berühmten 1911er erreichen oder gar übertreffen? Man hört Wunderdinge von den Spätlesen, Auslesen und Trockenbeerenauslesen einzelner Güter an der mittleren Mosel und im Rheingau – Wunderdinge, die sogar durch exakte Messungen bestätigt wurden.

Bereits in der dritten Oktoberwoche erreichte eine Trockenbeerenauslese des Pfarrgutes Sankt Michael in Bernkastel (Mosel) 286 Grad Oechsle bei 19,1 Promille Säure. Dies sind Spitzenwerte, die seit Menschengedenken an der Mosel nicht erzielt wurden. Kurz darauf meldete Schloß Vollrads bei Winkel (Rheingau) 254 Grad Oechsle bei 17,8 Promille Säure. Geradezu unglaublich aber klingen die 312 Grad, die vor wenigen Tagen wiederum in Bernkastel bei einer Trockenbeerenauslese der Lage Doktor gemessen wurden. Aus der Zahl 312 ergibt sich, daß bei der Entstehung dieses Weines die „ausgelesenen und alsbald nach der Aberntung für sich gekelterten Vollreifen, edelfaulen, rosinenartig eingeschrumpften Beeren“ – so die amtliche Definition der „Trockenbeerenauslese“ – zu 62,4 Prozent aus reinem Traubenzucker bestanden haben.

Man sieht daraus, daß je fünf Grad auf der von dem badischen Apotheker Oechsle erfundenen Mostwaage einem Prozent Traubenzucker im Meist ensprechen. Die Gärung spaltet den Traubenzucker in Kohlensäure und Alkohol: aus je einem Prozent Zucker wird ungefähr ein halbes Prozent Weingeist. Da aber aus Gründen, über die uns nur die Hefepilze nähere Auskunft geben können – sie vertragen nämlich nicht besonders viel Alkohol –, bei natürlicher Gärung niemals mehr als 14 Prozent Alkohol im Wein entstehen können, sind von jenen 312 Grad des „Bernkasteler Doktor“ höchstens 140 auf das Konto Alkohol zu verbuchen, während der größere Teil die in dem Wein verbliebene „Restsüße“ anzeigt. Jene Trockenbeerenauslese muß also trotz relativ hoher Säure mehr nach Likör als nach Wein schmecken.

Solche Spitzengewächse charakterisieren zwar den Jahrgang, aber sie sind doch für den engeren Kreis der Weinverständigen bestimmt, nicht für die große Masse fröhlicher Zecher. Immerhin kann man heute noch in einem bekannten Mainzer Weinhaus eine 1921er Trockenbeerenauslese für 85 Mark, eine 1937er für 53 Mark oder eine 1953er für 35 Mark bestellen, alle drei aus Rheinhessen.

Nach der Trockenbeerenauslese folgt in der Rangordnung der Qualitätsweine die Beerenauslese, bei der ebenfalls Überreife und Edelfäule verlangt wird, aber nicht „rosinenartiges Einschrumpfen“, Oechslezahlen und Preise bleiben etwas hinter der Trockenbeerenauslese zurück. Dann kommen die Auslesen („aus sorgfältig ausgelesenen Trauben unter Aussonderung aller nicht Vollreifen, beschädigten oder kranken Beeren“) und die Spätlesen („nach der allgemeinen Lese im Vollreifen Zustand geerntet“).

In dem sehr guten Jahrgang 1953 konnten sich Spätlesen aus dem Rheingau mit 100 bis 110 Grad Oechsle durchaus sehen lassen, heuer wurden solche Mostgewichte schon bei der normalen Lese erreicht.