fus, tatsächlich nur der Appell an die öffentliche Meinung helfen können. Aber weil der Versailler Vertrag die deutschen Institutionen — nicht nur die Reichswehr — zwang, um ihrer Existenz willen ins Geheimnis zu flüchten, konnte die öffentliche Meinung nicht aufgerufen werden. Wenn es wahr ist, daß ein freier Staat nicht ohne freie öffentliche Meinung leben kann, dann darf es in ihm keine Geheimnisse geben. Denn in dem Vakuum, das durch die Einschränkung des Rechtes der freien Meinungsäußerung entsteht, nisten sich (sofort die Geheimdienste ein, die Pest unseres Jahrhunderts.

A. D mochte in seiner Zuchthauszelle zappeln, soviel er wollte — Politik hatte ihn in diese Zelle gebracht; Politik allein konnte ihn befreien.

Manchmal drangen Nächrichten aus der freien Welt in A. D s Gefangenenloch ;Er hörte, daß der Reichspräsident Ebert einen Prozeß wegen schwerer Beleidigung hatte einleiten lassen, weil eine Zeitung der Rechten behauptet hatte, beim Munitionsarbeiterstreik im Januar 1918 habe er die Sache unterstützt und dadurch Hoch- und Landesverrat getrieben: dieses Odium ließ das Gericht auf dem nunmehrigen Reichspräsidenten sitzen (A. D, als du in deiner Zelle davon hörtest, wie war dir da?) Und dann starb der Reichspräsident Ebert und wurde von allen Seiten als ein ehrlicher und rechtschaffener Mann gepriesen. Das deutsche Volk wählte zum Reichspräsidenten den rühm- und ehrbeladenen Mann, den Feldmarschall von Hindenburg, der kurz zuvor noch auf der Liste der Alliierten als Kriegsverbrecher gestanden hatte, einen Mann, der nie ein Hehl daraus gemacht, daß er Monarchist sei. Alles in allem schien eine schöne und liberale Zeit eingeleitet. Und der neue Reichspräsident konnte es wohl wagen, eine großzügige Amnestie für alle politischen Verbrechen zu gewähren, die während der harten Zeiten und des schweren Lebens begangen worden waren. Wirklich wurde A. D im Jahre 1925 zu seinem Strafanstaltsdirektor gerufen, der ihm mitteilte, seine Zuchthausstrafe sei in Festungshaft umgewandelt: zehn Jahre. A. D packte seinen kleinen Pappkarton und durfte allein, ohne Begleitung eines Beamten, nach der ihm genannten Festung in Pommern fahren. A. D wußte das Vertrauen auch wohl zu würdigen. Er fuhr, allein und ohne jeden Umweg, nach G.

Was denn? Sein Verbrechen war also nicht mehr kriminell, es war jetzt politisch? Später hat A. D. folgende Erklärung erhalten: Hindenburg war als Reichspräsident gleichzeitig wieder der oberste Chef des Heeres. Dieser alte, ehrliche Kriegsmann sah die Dinge beispielsweise einfach so: Wer gemeinen Hoch- und Landesverrat geübt hatte, der wurde erschossen; das war klar. Wurde einer nicht erschossen, dann mußte er vor Gericht edlere Motive nachgewiesen haben; das war auch klar. Wenn Leute, wie dieser Adolf Hitler, politische und nicht kriminelle Verbrecher waren, so waren auch Kommunisten, die aus Überzeugung handelten, politische Verbrecher und nicht Kriminelle. Daran gab es nichts zu rütteln. Unter die Amnestie fiel also auch unser A. D.

Höchst zufrieden und fast glücklich also fuhr unser A. D zur Festung, ohne eine Ahnung davon zu haben, daß er nach dieser Amnestie nun aktenmäßig als das gelten würde, was zu sein er immer abgestritten hatte und auch nie gewesen war: ein Kommunist! Hätte A. D das hohe Gericht davon überzeugen können, daß er aus Liebe gehandelt hatte, so wäre er zweifellos ein krimineller Verbrecher geblieben. Liebe war kein politisches, Liebe war kein edles, Liebe war überhaupt kein Motiv.

A. D empfand den Umstand, nunmehr als Überzeugungstäter zu gelten, vorerst als sehr angenehm. Die Festungshäftlinge lebten in einem Hause, das der Landesstrafanstalt angegliedert war. Tagsüber waren die Zellen offen — sie wurden nur nachts geschlossen. Die Häftlinge erhielten sogar Urlaub. Sie konnten sich ihre Zellen einrichten, wie sie wollten. Sie durften — wenn sie konnten — ihre Verpflegung verbessern. Sie waren zur Arbeit nicht angehalten. Sie waren geradezu das "rote Tuch" sowohl für die kriminellen Häftlinge im anderen Bau als auch für die unteren Beamten, denen die Welt zu wanken schien, als sie sehen mußten, daß es Gefangene gab, die sich nicht unbedingt ihrem Bemühen, aus ihnen wieder anständige Menschen zu machen, zu fügen hatten — Leute noch dazu, die sich rühmten, ihre Verbrechen nicht etwa aus materieller Not oder aus dunklen Trieben begangen zu haben, sondern bewußt und mit vollem Willen!