Im Mittelpunkt der vergangenen Börsentage stand die Notierung des BASF-Bezugsrechtes.Der ungewöhnlich hohe Ausgabenkurs von 300 v. H. für die jungen Aktien hatte zunächst zu Befürchtungen Anlaß gegeben, daß ein großer Teil der Aktionäre auf die Ausübung des Bezugsrechtes verzichten und es deshalb zum Verkauf stellen würde. Diese Sorge war unberechtigt, wie die Entwicklung gezeigt hat. Letzten Endes hat der Rechenstift über die mehr gefühlsbetonte Ablehnung der Konditionen gesiegt. Die erste Kursnotierung des Bezugsrechtes erfolgte mit 15 1/2 v. H. etwa unter der rechnerischen Parität. Auf dieser Basis wurden umfangreiche Anlagekäufe vorgenommen. Das war insofern verständlich, als sich zu diesem Kurs die jungen BASF-Aktien auf rund 408 v. H. stellten, also im Vergleich zu den anderen Aktien derIG-Farben-Nachfolger sehr preiswert. erschienen. Am zweiten Tag nahm die Nachfrage nach den BASF-Bezügen zu, so daß der Kurs auf 15 3/4 v. H. heraufgesetzt werden mußte. Am 3. Notierungstag endlich kam er zu einem Sturm auf die BASF-Bezugsrechte (Kurs 18,5 v. H.), nicht zuletzt hervorgerufen durch die Veröffentlichung des recht optimistisch klingenden Zwischenberichts der Farbwerke Hoechst (siehe Seite 21), der keinen Zweifel daran ließ, daß die gegenwärtigen Kurse der IG-Farben-Nachfolger nicht als überhöht gelten können. Sie halten auch international gesehen einem Renditenvergleich stand. Geht man von einer 15prozentigen Dividende aus, dann errechnet sich bei einem Kurs von 450 v. H. eine Rendite von 3,3 v. H. Bei dem französischen Chemiepapier Du Pont De Nemours beträgt sie nur 2,4 v. H., bei Pechiney 1,4 v. H. und bei der schweizerischen Chemie-Aktie Ciba 1,8 v. H.

Die rege Nachfrage nach den großen deutschen Chemie-Werten, die durch große Auslandorders verstärkt wurde, führte auch bei den anderen erstklassigen deutschen Aktien zu einer freundlicheren Tendenz. Sie konnte sich deshalb so breit durchsetzen, weil nicht nur das BASF-Bezugsrecht als Börsenschreck ausgefallen war, sondern auch die einsetzende Nachfrage nach der Bundesanleihe zeigte, daß sie dem Kapitalmarkt keinen nachhaltigen Schlag versetzen wird. Das kleine Sparerpublikum interessiert sich naturgemäß kaum für die Bundesanleihe. Die Berliner Bank gibt einen Grund dafür an: „Der deutsche Sparer ist es nicht gewohnt, seine Rendite mit dem Rechen-Schieber zu ermitteln; er neigt dazu, sich am Nominalzins zu orientieren.“ Inzwischen haben aber einige Angehörige der höheren Steuertarifgruppen erkannt, daß das massive Disagio von 3 1/2 v. H. recht reizvoll ist, zumal bei der relativ kurzen Laufzeit. Der Zins von 5 1/2 v. H. unterliegt der Einkommensteuer voll, dagegen ist der Rückzahlungsgewinn steuerfrei. Da die Esso eine 50-Mill.-Anleihe zu gleichen Bedingungen auflegen will, können auch die Sparerkreise in den Genuß der Rendite von 6,12 v. H. kommen, die prinzipiell keine Staatspapiere in ihr Portefeuille nehmen. Bemerkenswert ist die hohe Beteiligung des Auslandes an den Zeichnungsansammlungen, denn – das hebt C. G. Trinkaus, Düsseldorf im letzten Börsenbericht hervor – gerade ausländische Kreise hatten sich ja in den vergangenen Wochen und Monaten so gut wie überhaupt nicht am deutschen Rentenmarkt engagiert.

Das wieder erwachte Interesse der Ausländer an deutschen festverzinslichen Werten könnte, nimmt es größere Ausmaße an, den durch die Erhöhung der Mindestreserven um 750 Mill. DM erfolgten Liquiditätsentzug mildern. An der Monatswende war der Geldmarkt recht steif, was erfahrungsgemäß nicht ohne hemmenden Einfluß auf das Geschäft am Wertpapiermarkt blieb. Natürlich spielen auch die Dispositionen für die Einzahlungen auf die jungen Aktien der BASF, und für die Bundesanleihe eine hemmende Rolle. Aber dadurch wurde der wieder kräftig gewordene Börsenoptimismus nicht gebrochen. Er erhielt einen neuen Auftrieb durch die berechtigten Erwartungen auf Dividendenerhöhungen. Im Montanbereich rechnet man mit Dividenden-Aufstockungen bei Thyssen, Phoenix-Rheinrohr, Hoesch und Mannesmann. Hoffnungen bestehen auch noch bei anderen Eisen- und Stahlkonzernen; sie haben aber vorerst noch keine feste Gestalt angenommen. Daß die IG-Farben-Nachfolger und die Großbanken auf mindestens 15 (14) Prozent. Dividende gehen werden, gilt als sicher.

Nicht ohne Einfluß auf die Börsenstimmung blieb die in Aussicht gestellte Verabschiedung des Zusatzaktiengesetzes, die für Januar oder etwas später erwartet wird. Eine endgültige Entscheidung ist dann aber auch dringend notwendig. Eine Anzahl Gesellschaften beabsichtigt nämlich, wenn der Bundestag dieses Gesetz noch länger in der Schwebe hält, eigene Wege zu gehen. Sie werden dann Kapitalerhöhungen zu günstigen Ausgabekursen vorschlagen und die Aktionäre über die Beibehaltung der letzten Dividendensätze, in den Genuß besserer Ausschüttungen bringen.

Kurt Wendt