Von Ludwig Marcuse

Wir können auf eine ganze Serie von Schiller-Bildern zurückblicken. Er war der Schiller provinzieller Patrioten. Er war der Schiller unserer Schulaufsätze. Er war zwölf Jahre lang der Schiller jeder Opposition gegen die Unterdrückung der Deutschen durch Deutsche. Was ist er heute?

Franz Grillparzer entwarf einen Trinkspruch, den er zu Schillers hundertstem Geburtstag ausbringen wollte. „Meine Herren! Lassen Sie uns Schiller feiern als das, was er war: als großen Dichter, als ausgezeichneten Schriftsteller, und ihn nicht bloß zum Vorwand nehmen für weiß Gott was für politische und staatliche Ideen.“ Grillparzers Wunsch ist in Erfüllung gegangen. Er würde seine Freude haben, wenn er die jüngste Schiller-Literatur lesen würde. Kein Versuch mehr, ihm eine Fahne in die Hand zu drücken. Aber damit sind erst die historischen Schemata beseitigt. Wer war er? Wer ist er heute?

Das kürzeste der drei Schiller-Bücher, die hier anzuzeigen sind, ist von – Bernt von Heiseler: „Schiller, Leben und Werk“; C. Bertelsmann Verlag, Gütersloh; 220 S., 11,50 DM.

Es ist am stärksten an Schillers Leben interessiert und bringt, auf knappem Raum, viel biographisches Material. Es ist, wo es nicht in theologische Sphären entschwebt, gut geschrieben. Es schwebt allerdings oft über den Wassern und spricht bisweilen nur zu höheren Töchtern – zum Beispiel, wo vom Manne Schiller die Rede ist.

Dies Buch ist, im Verhältnis zu den beiden andern, voll Temperament. Leider aber wird hier über Schiller schillersch geschrieben, über einen Heros heroisierend, über einen Idealisten idealisierend. Darin folgt von Heiseler einer nicht sehr löblichen Tradition. Und er ist nicht der einzige, dem Schillers „dramatischer Aufstand“ nicht mehr ist als dieses (doch nur wegen seiner musikalischen Folgen bemerkenswerte) „Seid umschlungen Millionen“.

Von Heiseler behauptet, Schiller wende sich nicht „gegen bestimmte gesellschaftliche Folgen“. Er und Storz sollten noch einmal die Einleitung zur „Geschichte des Abfalls der Vereinigten Niederlande von der spanischen Regierung“ lesen. Sie würden erkennen, daß Schiller eins der starksten politischen, Temperamente gewesen ist; daß er nicht nur ganz allgemein für die Freiheit war, sondern für bestimmte Freiheiten in bestimmten Zeiten bestimmter Sklavereien. Die heutige Tendenz, Schillers Freiheitskämpfe in den Hintergrund zu rücken, ist eine verständliche Reaktion auf die vielen Parteischriften.