A. D. hatte von vornherein eine starke Scheu, mit den Menschen, die dieses Haus bevölkerten, in Zusammenhang zu gelangen. Hier suchte er Gemeinschaft nicht. Er wußte, daß „Kameradschaft“, daß selbst „Solidarität“ in diesem Hause so wenig ein faßbarer Begriff sei, wie „Liebe“ für das Reichsgericht. Wenn er es nicht gewußt hatte, so lehrte es ihn jedenfalls jeder Tag. Und jeder Tag lehrte ihn, daß das Zuchthaus eine Welt für sich war, eine zuerst fremde, unbegreifliche, schreckliche Welt, aber eine eigene Welt unter eigenen Gesetzen und schließlich vom Leben ebenso ausgefüllt und erobert wie jede andere Welt auch. Es galt nur, die Gesetze und Gebote jener Welt, in der er bislang gelebt hatte, radikal, bis zur Wurzel zu vergessen und sich in die Gesetze und Gebote dieser neuen, fremden Welt einzupassen, in eine Welt ohne Würde.

Anfangs glaubte er, ungestört in seiner Zelle zu sein. Dann ließ ihn das unbehagliche Gefühl, beobachtet zu werden, entdecken, daß mit einiger Beharrlichkeit in dem kleinen, konisch in die Tür eingeschnittenen Guckloch ein Auge erschien, das des Kalfaktors.

Nun ist die Gestalt des Kalfaktors, in allen Zuchthäusern und Gefängnissen eingeführt und wohlbekannt, das Öl im Getriebe dieser Anstalten. Kalfaktoren sind Gefangene, die bereits einen erklecklichen Teil ihrer Strafe abgesessen haben, und die, mit der Aussicht auf. eine vorzeitige Entlassung, allen Grund haben, sich des Vertrauens, das ihnen die Anstaltsleitung gewährt, würdig zu erweisen. Sie sind bestallt, die Gänge sauber zu halten, die Kübel zu entleeren, das Essen auszuteilen und die Öfen zu heizen; sie unterstehen dabei nicht nur der Kontrolle der Beamten, sondern auch der anderen Gefangenen, die sich eines unbeliebten Kalfaktors mit jenen Mitteln erwehren, die ihnen als Waffe einzig übriggeblieben sind: mit denen der Tücke. Nur jene Kalfaktoren sind wirklich „brauchbar“, die es verstehen, ausgewogen nach beiden Seiten zu hantieren. Der Kalfaktor ist für den Neuling, für den „Zugang“, der „Zugang“ zur Welt des Zuchthauses. „Zugang“ und Kalfaktor beäugen und beschleichen einander lange Zeit, bevor sie zum Zeichen, daß sie geneigt sind, einander friedvoll zu begegnen, ihre Waffen niederlegen und die Friedenspfeife rauchen.

In dieser modernen Welt der Höhlenbewohner, im Zuchthaus, brachte der Kalfaktor unserem A. D. das prometheische Geschenk, das Feuer, in die Zelle. Er lehrte A. D., im Gang eng an A. D.’s Zellentür gepreßt, ein Auge auf das Guckloch, das andere auf das den Gang abschließende Gitter gerichtet, wie der Gefangene sich vermittels eines Stahlknopfes, eines Zwirnsfadens, eines kleinen Feuersteins und eines Stückchen Zunders, Feuer schlagen kann. Dafür klebte A. D. die Hälfte seines Tabaks unter den Deckel des Kübels, den der Kalfaktor vor dem abendlichen Einschluß und nach dem morgendlichen Aufschluß zu entleeren hatte.

Es wäre bedeutend zuviel gesagt, daß sich aus diesem Troglodytenakt so etwas wie Freundschaft entwickeln konnte – dies war auch beiderseits nicht vorgesehen. Freundschaften sind tödlich innerhalb der kriminellen Kumpanei. Aber tatsächlich erhielt A. D. durch eben diesen Kalfaktor den einzigen brauchbaren Rat, der es ihm ermöglichte, aus der Zelle heraus in einen Kontakt mit der Welt zu gelangen, die für vierzehn Jahre – nach dem Urteil des Reichsgerichtes – nicht mehr die seine sein spllte.

Der Kalfaktor, von A. D. in groben Umrissen informiert, gab ihm den Rat, sich nie an das Gericht zu wenden, sondern an den Oberstaatsanwalt. A. D. schrieb also an den Oberstaatsanwalt, daß er Ausmaß und Sinn der Bestrafung nicht begreife. A. D. bat um eine Urteilsbegründung. Und wirklich erhielt er rasch eine Antwort auf dem amtlichen Bogen des Reichsgerichtes, der mit großmächtigen Insignien geschmückt war. Der Oberstaatsanwalt schrieb, die Verhandlung sei geheim gewesen; eine „Aushändigung“ der Urteilsbegründung könne also nicht „erfolgen“. Im übrigen könne A. D. damit rechnen, etwa Weihnachten 1933 frei zu sein.

In der Tat konnte A. D. damit rechnen: 1933 würde der Zeitpunkt erreicht sein, da er „bei guter Führung“, gemäß den Bestimmungen des Strafvollzuges, einen Straferlaß erwarten durfte, sofern die Beamtenkonferenz einwilligte. Der Anstaltsleiter nahm dies Schreiben des Oberstaatsanwaltes verblüfft zur Kenntnis und meinte säuerlich, dies sei ja wohl das erste Mal, daß sich ein Vertreter des Reichsgerichtes mit einer Terminierung der Strafe eines Häftlings befasse, die sonst nur der Beamtenkonferenz zustehe. Immerhin, A. D. schöpfte Hoffnung. Vier Jahre Haft glaubte er abgehandelt zu haben.