Wer vermöchte festzustellen, wie viele Menschen wirklich den Frieden wollen: den Frieden mit dem Nächsten und dessen Gott ebenso wie den eigenen Seelenfrieden! Von der Voraussetzung, daß jeder den Frieden will, geht der Titel eines soeben erschienenen Buches aus –

Heinrich Dittmar: „Symbol der Sehnsucht aller – die Friedenstaube“; Econ Verlag, Düsseldorf; 192 S., 12,80 DM.

Freilich nur der Titel. Denn des Autors Forschungen nach dem Ursprung und der Geschichte der Tauben-Symbolik, die in den Tempeln der Istar und Aphrodite beginnen und vielerlei Kulte und Länder einbeziehen, führen schließlich zu dem Resultat, daß es vorerst noch immer zwei Friedenstauben gibt: die christliche mit dem Ölzweig und die kommunistische.

Die großen kulturhistorischen Zusammenhänge bilden gewissermaßen die Kulissen, zwischen denen der Verfasser mit viel Jagd- und Sammlereifer seine „weiße Taube“ als Liebesvogel, als Toten- und Seelenvogel, als Beschützerin, Opfertier, Heilig-Geist-Verkörperung und in vielen anderen Erscheinungsformen aufspürt, um schließlich jene Friedenstaube aufflattern zu lassen, deren sich die christliche Welt von heute so gut wie die kommunistische als Symbol bedient.

Die Fülle des Materials ist überwältigend; ebenso das Tempo, in dem Dittmar fünf Jahrtausende Menschheitsgeschichte durcheilt. Die Hinweise, Deutungen, Rückschlüsse, rasch gekoppelten Querverbindungen überstürzen sich; doch tun sie es nach einem gut durchdachten Konzept, und alle Fäden laufen am Ende folgerichtig zusammen.

Zu Beginn des zweiten Teiles verknüpft Dittmar sein Grundthema mit dem Leben und Schaffen Picassos. Wir erfahren, daß der französischspanische Maler schon als Kind ein sehr eigenartig persönliches Verhältnis gerade zur Taube gehabt und zeitlebens beibehalten hat.

Auch in diesem zweiten Teil des Buches geht es im Geschwindmarsch. Doch hat man den Eindruck, der Autor bewege sich jetzt freier, nämlich der Last eines „allzu weit verzweigten Allzuviels“ enthoben und es verliere dabei auch sein Stil etwas vom anfänglichen Ober-Schliff: an Stelle der Aufzählung treten Erzählung und lebendige Reportage mehr in den Vordergrund, so daß man, einmal hier angelangt, das Buch in einem Zug zu Ende liest. H. Westenberger