Der Brief des Berliner Bischofs D. Dibelius geht souverän an der ernsten und differenzierten theologischen Debatte vorüber, die wir nun schon seit mehr als 20 Jahren um das rechte Verstandnis von Rom. XIII führen. Seine Ausführungen wirken als Aufruf zur grundsätzlichen, weil gewissenmäßig erlaubten, Nichtanerkennung aller Anordnungen, die innerhalb eines „totalen“, aus einer sozialistischen Revolution hervorgegangen nen Staatswesens erlassen werden – einschließlich Geschwindigkeitsbeschränkungen.

Das Wort „Staat“ müßte dabei in Anführungszeichen stehen, denn das neue Gesellschaftssystem rechnet auf lange Sicht mit dem Absterben des Staates. Hier hätte D. Dibelius einsetzen müssen, war doch unser Kampf gegen den NS-Staat bereits ein Widerstand gegen die Vergewaltigung des zu ungeheurem Unrecht mißbrauchten Staatswesens.

Wenn D. Dibelius diesen Punkt umgeht, dann wahrscheinlich deshalb, weil es bei ihm wie bei anderen hohen Kirchenführern fast zur Manie geworden ist, den Staat gleichfalls sterben zu lassen oder wenigstens möglichst kurz zu halten (à la W. v. Humboldt). Ich meine aber, das widerspricht den besten protestantischen Traditionen.

An einem entscheidenden Punkte hat D. Dibelius recht. Wir müssen alles daran setzen, um die Anarchie von Gut und Böse in politicis zu überwinden, unter der Recht und Staatlichkeit zugrunde gehen und Macht und Gewalt als leere Ordnungsprinzipien übrigbleiben.

Unrecht hat der Bischof von Berlin aber darin, daß er einem seinen Begriffen von Sittlichkeit nicht entsprechenden Staatswesen die Möglichkeit aberkennt, ein Rechtsstaat zu sein oder zu werden. Er sieht nicht, daß es für alle aus revolutionären Umwälzungen hervorgegangene Staatswesen einen Akt größter innerer und äußerer Anstregungen bedeutet, das „neue“ Recht – das doch in gewisser Hinsicht das alte in der Substanz aufnimmt – zu setzen und ihm zu innerer Anerkennung zu verhelfen. Diesen Prozeß dürfen die Christen nicht durch Sabotage erschweren, sondern (das ist der Inhalt der Einzelbestimmungen von Rom. XIII) sie sind aufgerufen, ihn zu fördern, freilich immer in den Grenzen, die uns durch Gottes Gebot gezogen sind. Es geht dabei im Grunde um das Verhalten der Christen in der Revolution, das seit 1789 sozusagen zum täglichen Brot unserer theologischen und christlichen Existenz, in Europa gehört, oder mindestens gehören sollte.

Nach der Ansicht von D. Dibelius, bei der die These Fr. J. Stahls von der Revolution als der „Ursünde“ hindurchleuchtet, scheint die Sonne Gottes offensichtlich nur über dem christlichen Westen, während der Osten in Nacht und Finsternis liegt. So ähnlich hat vor 100 Jahren der tapfere August Vilmar auf Bismarcks „Revolution von oben“ reagiert.

Die Schrift von D. Dibelius ist ein Ende. Sie wird keine Nachfolger unter den Theologen finden. Aber das von ihm aufgeworfene Problem bleibt – man wird ihm dankbar sein, daß er es in den Brennpunkt der Diskussion gerückt hat. Er hätte manches anders gesehen und formuliert, wenn er den Abschiedsbrief, den Graf Helmut Moltke vor seinem Todesgang in Plötzensee schrieb, seinen Überlegungen zugrunde gelegt hätte. Wozu haben wir eigentlich solche Zeugnisse?