A. M., Paris, im November

Darf ein Marschall von Frankreich die Regierung kritisieren? Oder gilt auch für ihn die alte Regel, daß ein Soldat zu schweigen und sich der zivilen Gewalt unterzuordnen habe?

Der Chefredakteur des rechtsbürgerlichen Morgenblattes L’Aurore hat in diesen Tagen die These verfochten, daß der Marschall nicht einen militärischen Rang innehabe, sondern eine Würde innerhalb der staatlichen Hierarchie verkörpere. Deshalb sei ein Marschall geradezu zum Sprechen verpflichtet, wenn er die Nation in Gefahr sehe. Anlaß zu dieser These war ein Leitartikel, der kurz zuvor, mit einem Marschallstab verziert, in diesem Blatt erschienen war. Darin hatte Juin, einziger lebender Marschall von Frankreich und damit erster Soldat des Landes, den General de Gaulle angeklagt, er habe mit der Zuerkennung des Selbstbestimmungsrechtes an die Algerier der Rebellion neuen Auftrieb gegeben.

Die rednerischen Eigenmächtigkeiten Juins gehörten schon zum eisernen Bestand der Vierten Republik. Präsident Vincent Auriol hatte ihretwegen dem bärbeißigen Krieger die Tür des Elysée-Palastes geschlossen. Und der schwache Ministerpräsident Laniel mußte einmal sogar die Ohrfeige einstecken, daß der Marschall einer Vorladung zu einem Anpfiff gar nicht nachkam. Der General de Gaulle hingegen, der sich zur Zeit jenes Vorfalles rühmte, daß ihm als Regierungschef das nicht passiert wäre – „ich verkörperte den Staat, die Nation“–,hat sich auch hiermit der Geschmeidigkeit verhalten, die ihn seit seinem zweiten Regierungsantritt auszeichnet. In einem privaten Brief ersuchte er Juin (der zu den wenigen Männern gehört, die von de Gaulle geduzt werden), nicht weiter seine Aktion zu stören.

Daß allerdings de Gaulles gleichzeitig erlassener Appell an Armee und Verwaltung zu absoluter Disziplin eine indirekte Antwort an Juin ist, kann kaum bezweifelt werden. Des Marschalls rednerische Entgleisungen in der Vergangenheit, seien sie nun gegen die EVG oder anderes gerichtet gewesen, waren nämlich nie Angelegenheit eines Einzelgängers – sie waren vielmehr stets Ausdruck schleichender Mißstimmungen in der Armee. Ebenso wie die Kritik, die gerade zuvor der greise General Weygand, der Repräsentant der altkonservativen Offizierskreise, ausgesprochen hatte, ist Juins Angriff ein Symptom dafür, daß die Armee nur nach außen geschlossen hinter de Gaulles neuer Algerienpolitik steht. In ihrem Innern aber rumort es.